„Dido and Aeneas“ am Opernprojekt am Theater Aachen

Opernprojekt am Theater Aachen : So manches Geheimnis bleibt bei „Dido and Aeneas“ bewahrt

Kultur ist auch eine Sache der Temperatur. Jedenfalls in diesen Tagen, in denen tropische Hitze übers Land hereinbricht. Wer mag seine Tagesrestaktivität trotzdem mit anspruchsvoller Unterhaltung verbringen will, für den ist die letzte Opernproduktion der Saison des Theaters Aachen, die jährliche Zusammenarbeit mit der Musikhochschule, ein geradezu unschlagbares Angebot.

Erstens präsentiert sich der Saal aufs Angenehmste klimatisiert, zweitens dauert Henry Purcells Oper „Dido and Aeneas“ schlappe 70 Minuten. Und drittens stellt dieser Abend neuerlich unter Beweis, welch hohes künstlerisches Niveau die angehenden Profis schon auf die Bühne bringen.

Hohes künstlerisches Niveau

Purcells einzige Oper ist als einer der Erstlinge der Gattung ja noch gar keine richtige. Klar, da gibt es eine Reihe von Rezitativen und Arien, die einerseits die Handlung erzählen, andererseits – und das in sehr zu Herzen gehender Art – die Zeit stillstehen lassen, damit Emotionen der Personen zur Geltung kommen.

Dem Chor fällt (meist) die ans antike Drama angelehnte Funktion zu, das Geschehen zu kommentieren, während das Orchester in Vor-, Zwischen- und Nachspielen die Stimmung des behandelten Dramas auf „absoluter“ Ebene wiedergibt. Bei „Dido und Aeneas“ haben es die thyrische Königin und der trojanische Held schwer, zueinander zu kommen. Und als sie ihre Liebe endlich zulassen, machen ihnen die Vorsehung und ein paar Hexen einen Strich durch die liebliche Zukunftsplanung. Cupidos Flügel sind gebrochen: Dido will nicht mehr leben, Aeneas wirft sich mit seinen Seeleuten in neue Abenteuer.

Rina Hirayama, in der ablaufenden Saison Jahresstipendiatin der Theaterinitiative Aachen, ist in ihrem majestätischen, braunroten Gewand eine nach außen klare, in ihrem Innern vor Sehnsucht brodelnde Regentin und Frau. Ihr wunderbar dunkel gefärbter Sopran dringt souverän in die Untiefen der Partie. Sicher, man hat das alles schon ekstatischer gehört, mehr in sängerische Extreme getrieben. Aber Hirayamas Auffassung der Partie entbehrt nicht des großen, todesmutigen Ernstes, der die am Ende rigorosen Entscheidungen der Heldin beglaubigt.

Ihr Partner Fabio Lesuisse, Bariton mit lyrischer Ausstrahlung, legt in der Inszenierung von Ramona Bartsch seinen Seesack nie wirklich beiseite. In helle Sandfarben gekleidet, würde Leuisse, der ab kommender Spielzeit zum Aachener Ensemble gehört, eigentlich perfekt aufs königliche Sofa passen, das die Ausstatterinnen Marie Harneit und Nathalie Himpel in Beige am Rand der Bühne bereitgestellt haben. Allein: Jupiter höchstselbst schickt seinen Boten mit dem Befehl zum Aufbruch. Und bei der außerordentlich fokussiert geführten Countertenorstimme von Luca Segger – in einem ziemlich albernen Götterboten-Röckchen – ist Zaudern zwecklos.

Um die Titelhelden herum hat Bartsch glaubhafte Figuren arrangiert. Der Hofstaat geht auf Plateau-Sohlen, der kleine Chor singt exzellent auch in den Echo-Passagen. Wie im Orchester, das unter Stabführung von Prof. Herbert Görtz Licht und Schatten hören lässt, bleibt die eine oder andere Phrasierung unklar, beschwingter Elan wechselt mit Mittelmaß. Man musiziert allenthalben mit wenig Vibrato und Aufmerksamkeit für Obertöne. In der Ouvertüre dürfen die Streicher auch mal ganz nah an den Steg, beim Unwetter wackeln die Stehlampen. Als Belinda, Didos Vertraute, legt Rosha Fitzhowle eine regelrecht freche Vorstellung hin. Die Stimme der jungen Sopranistin ist unprätentiös wohlgestalt. Unter den drei Hexen mit hochgesteckten Struwwelhaaren lässt Katharina Fuchs eine sonore Zauberin hören. Wie aus dem Nichts strahlt an einer Stelle der schöne Tenor von Hyunhan Hwang.

Neben Sofa und einer rollbaren Treppe beschränkt sich das Regieteam auf schmale Tücher, die aus dem Schnürboden ab- und auffahren, um die verschiedenen Orte der Handlung zu bezeichnen. Das gelingt gut, bietet Möglichkeiten für Hintergründiges und bewahrt manches Geheimnis auch über das Ende des Abends hinaus. Was dem Premierenpublikum über die Maßen gefiel.

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