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Berlin: Dichterin statt bäuerliche Hausfrau

Berlin : Dichterin statt bäuerliche Hausfrau

Literaturkritiker nennen Eva Strittmatter, die am Dienstag 75 Jahre alt wird, eine der erfolgreichsten Lyrikerinnen der Gegenwart.

Sie vergleichen ihre Verse mit denen einer Ingeborg Bachmann oder Gertrud Kolmar. Mit rund zwei Millionen Exemplaren erreichten ihre Bücher Rekordauflagen. Ihr Ruf im Westen Deutschlands verbreitete sich bis heute jedoch nur langsam.

Ihre Fangemeinde lebt dort, wo auch Strittmatters Lebensmittelpunkt liegt: im Osten. Der Schulzenhof in Dollgow im Brandenburgischen, wohin sie als junge Frau kam, ist nach dem Tod ihres Mannes Erwin Strittmatter („Der Laden”) ihr Zuhause geblieben.

Erzählt wird, dass der Schriftsteller, schon auf bestem Weg zur Berühmtheit, eigentlich eine Hausfrau für sein bäuerliches Anwesen suchte. Bekommen hat er eine Dichterin.

Um aus dem Schatten ihres Mannes herauszutreten, bedurfte es aber einiger Zeit. Ihre Naturbetrachtungen ließen „Wind und Regen schmecken”, lobt Schriftstellerfreund Hermann Kant.

Die einfache, beinahe klassische Sprache der Verse klingt wie Musik, meinen andere Verehrer. Geschrieben hat Strittmatter anfangs heimlich. Sechs Jahre lang wusste nicht einmal ihr Mann davon.

Dem späten Debüt mit „Ich mach ein Lied aus Stille” (1973) folgten Titel wie „Mondschnee liegt auf den Wiesen” (1975) oder „Heliotrop” (1983).

Zwischen Haushalt und vier Kindern, der Arbeit als Lektorin und für ihren Mann musste sich die studierte Germanistin Freiräume erkämpfen. Die Zeit für ihr eigenes Werk ist noch immer knapp.

Nach dem Tod von Erwin Strittmatter 1994 übernahm sie, als die beste Kennerin seines Werks, die Rolle der Sachverwalterin.

Als erstes Resultat legte sie das teilweise als Tonbandaufzeichnung hinterlassene Manuskript ihres Mannes „Vor der Verwandlung” (1995) vor. Texte beider Strittmatters erstmals in einem gemeinsamen Buch finden sich in „Du liebes Grün” (2000).

„Es war ein zweites Leben, das wir hatten und eine zweite Liebe”, erinnert sie sich in ihrem Nachwort zu „Kalender ohne Anfang und Ende” (2003).