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Aachen: Dichter mit feuriger Poesie schwebt in schwindelnder Höhe

Aachen : Dichter mit feuriger Poesie schwebt in schwindelnder Höhe

Katschhof, später Abend, kurz nach 22 Uhr: Die vier skurril anmutenden Bühnen im kühlen, metallischen Design an jeder Seite des Atriums sind in warmes Licht getaucht, gut 5000 Zuschauer sind gekommen, um das Spektakel unter der Regie von Sigrun Fischer zu erleben.

Das vielfach ausgezeichnete Freiburger Ensemble „Pan Optikum” wird mit dem Stück „Il Corso” das 20. Limburger Straßentheater-Festival eröffnen.

Die Szenerie verdunkelt sich, das Spiel beginnt: Vor der Rückseite des Rathauses erklimmt ein schwarzer Engel seinen spartanischen Thron in schwindelerregender erhabener Höhe. Sein riesiger Schatten wird auf das alte Rathausgemäuer projiziert.

Kurz darauf wird ein Dichter, gesäumt von um ihn herum springenden und jonglierenden Gauklern, auf einer Art asketischer Empore durch das Publikum über den Katschhof getragen und geschoben. Der Dichter, der eigentliche Protagonist der Aufführung, verkörpert den chilenischen Poeten und Nobelpreisträger Pablo Neruda, auf dessen posthum veröffentlichten „Buch der Fragen” das Stück „Il Corso” im wesentlichen basiert.

„Was? Warum? Porqué?” Dichter und Gaukler ergehen sich in einem Schwall von Fragewörtern vieler Sprachen.
Feuersäulen schießen aus rostigen Rohren gen Himmel, während auf der Bühne vor dem Dom zwei Artisten meisterhaft mit phosphoreszierenden Bällen jonglieren.

„Wen kann ich fragen, was zu vollbringen ich in diese Welt kam?”. Wieder ändert sich die Szenerie. Auf den sich gegenüberliegenden seitlichen Bühnen zünden zwei der Gaukler auf riesigen asiatischen Trommeln ein Feuerwerk perkussiver Art.

Beschwörerisch singende Sirenen werden auf brennenden Gerüsten durch das staunende Publikum geschoben. „Wohnt das Kind, das ich einst war, noch in mir, oder ist es schon entflohen?” Mit der Einfachheit eines Kindes und der Weisheit des Alters vergegenwärtigt Nerudas Vorlage die Unbegreiflichkeit und die Schönheit sowie das Privileg der menschlichen Existenz.

Und schon schwingt der Dichter an einem sich überschlagenden Pendel, während hinter ihm ein Inferno zündet. Ein grandioses Meer aus Farben und Flammen. Und als das letzte Feuer verlischt, findet sich der Dichter auf dem Thron des schwarzen Engels wieder: „Das Universum fliegt an uns vorbei. Was? Warum? Porqué?”