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Aachen: „Dialogues des Carmélites“ kommt ins Aachener Theater

Aachen : „Dialogues des Carmélites“ kommt ins Aachener Theater

Ja, bei den noch immer in Aachen lebenden Karmelitinnen, die lange Jahre im Konvent am Lousberg mit der Hostienbäckerei die Pfarren des Bistums versorgten, haben sie sich vorgestellt. Musikdramaturg Christoph Lang und acht Mitglieder des Ensembles fühlten sich im Refugium der Ordensfrauen, die vor einigen Jahren in ein Haus an der Paulusstraße gezogen sind, sehr willkommen.

Die Theaterleute wollten mehr wissen — über den Orden, wie man heute dort lebt und darüber, wie die Schwestern zur Oper „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc stehen, die am 15. April, 18 Uhr, im Großen Haus des Aachener Theaters Premiere hat. „Wir waren beeindruckt von der Offenheit, mit der man unsere Fragen beantwortet hat“, erzählt Lang. „Die Schwestern kennen die Oper ganz genau, auch die Geschichte von Gertrud von Le Fort, die Ausgangsstoff für das Libretto war.“

Ob die Ordensfrauen zur Premiere kommen? Vermutlich nicht. „Es widerspricht den Ordensregeln, so eine Veranstaltung zu besuchen“, weiß Lang inzwischen. „Wir bedauern das sehr. Die Schwestern sind uns natürlich willkommen.“

Massige graue Wände prägen das Bühnenbild, in dem Regisseurin Ute M. Engelhardt das Schicksal der jungen Blanche aufleben lässt, die zur Zeit der Französischen Revolution hinter den Klostermauern Zuflucht sucht. „Sie ist von Ängsten geplagt und glaubt sich dort in Sicherheit“, sagt Hauptdarstellerin Suzanne Jerosme, die diese Rolle zum ersten Mal singt und spielt. „Aber die Ängste kommen mit.“

Die 28-jährige Französin, die an der Guildhall School of Music and Drama in London und an der Hochschule für Musik und Tanz Köln studiert hat, war Stipendiatin der Theater Initiative Aachen in der Spielzeit 2015/16 am Theater Aachen. Als Maria in „West Side Story“ und Esmeralda in Smetanas „Die verkaufte Braut“ stand sie auf der Bühne. Inzwischen ist sie ein festes Ensemblemitglied.

Mit der Blanche in „Dialogues des Carmélites“ hat sie sich intensiv beschäftigt. „Ein Mädchen mit diesen psychischen Problemen hätte man heutzutage nicht bei den Karmelitinnen aufgenommen, da ist es wichtig, sich jahrelang zu prüfen und zu bewähren“, hat sie erfahren. „Das Kloster in der Oper ist jedoch ein Symbol für Blanches Lebensuntüchtigkeit, die sich später wandelt.“

Die Sopranistin selbst muss zunächst Hilflosigkeit und Schwäche in der Rolle zeigen, als Sängerin dabei aber sehr stark bleiben, denn Francis Poulenc fordert musikalisch allerhand in seinem Werk, das 1957 in der Mailänder Scala uraufgeführt wurde. „Lange Rezitative und dann wieder lyrische Passagen“, seufzt die Sängerin. „Aber herrliche Musik.“

„Man nennt diese Oper ein ,Intendantenstück‘, das selten einem Gast anvertraut wird“, verrät Regisseurin Ute M. Engelhardt. Umso mehr hat sie sich über das Angebot aus Aachen gefreut — und sofort zugegriffen. Große Nähe zur Oper und zum Ensemble sind wichtig, um das Werk so umzusetzen, wie es der gläubige Komponist gefordert hat. Und damit man das Publikum erreicht. „Ich möchte Emotionen wecken“, sagt sie.

Die Französische Revolution und das historisch belegte Schicksal der 16 Karmelitinnen von Compiègne, die am 17. Juli 1794 durch die Guillotine hingerichtet wurden, spielt in dieser Inszenierung eine untergeordnete Rolle. „Menschen, die hinter Mauern etwas tun, was denen, die vor diesen Mauern stehen, nicht klar ist, sind stets in Gefahr“, meint Ute M. Engelhardt. „Das ist heute noch so.“

Angst und Depression der jungen Blanche sind für sie nachvollziehbar — ein junges Mädchen, das früh die Mutter verloren hat, später den Vater, das nicht versteht, was um sie herum passiert, flüchtet in seiner Angst ins Kloster. Aber die Dämonen und Todesahnungen bleiben nicht draußen. „Wir zeigen das sogar real, ein kleines Mädchen spielt mit, quasi als Schatten von Blanche und als Symbol für den psychischen Prozess, der hier nachgezeichnet wird“, verrät die Regisseurin. Gesungen wird in französischer Sprache. Das entspricht dem Original, aber es gibt Übersetzungen in andere Sprachen. Ute M. Engelhardt: „Poulenc wollte, dass der Text verstanden wird, das hat er sogar schriftlich hinterlassen.“ Lateinische Texte, etwa das „Salve Regina“, verleihen dem Glaubensleben der Ordensfrauen weitere Tiefe.

In ihrer Inszenierung hat Ute M. Engelhardt zudem eine „Geschichte hinter der Geschichte“ erarbeitet. Sie fragte sich, was Subpriorin Mutter Marie verschweigt, die alle auf den Märtyrertod schwören lässt und regelrecht todessüchtig erscheint. „Sie hat etwas mit Blanche, ihrem Bruder und dem toten Marquis de la Force zu tun“, meint die Regisseurin der Geschichte zu entnehmen. „Das lastet auf ihr. Wenn man die Erzählung liest, gibt es da eine Amme, die vielleicht nicht nur Amme war. Es könnte sich um diese Marie handeln . . .“ Beweisen lässt sich das nicht, aber sie verleiht der Gestalt, die von Irina Popova verkörpert wird, mehr Ausdruckskraft.

Und Blanche? Endlich angstfrei und fest im Glauben, schließt sie sich den anderen an und geht mit auf das Schafott. „Es ist ihre erste eigene Entscheidung“, sagt Ute M. Engelhardt.