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Deutschlands Ende liegt in Isenbruch

Deutschlands Ende liegt in Isenbruch

Isenbruch (an-o) - Für Neulinge sieht es aus wie das Ende der Welt. Dabei ist es nur das Ende von Deutschland - genau genommen das westliche. Wer sich von so viel Gegend nicht abschrecken lässt, dem erzählt das I der Serie Euregio von A-Z Geschichte(n). I wie Isenbruch im Selfkant.

Lange gerade Landstraßen ziehen sich durch eine Landschaft, in der sich im herbstlichen Nebel nur ein paar Bäume, Pferde und Kühe vom Horizont abheben. Kommt doch einmal eine Kurve, liegen Rüben am Rand, die hier ein Trecker beim Rangieren verloren hat.

Zwischen den langen Geraden und den wenigen Kurven wartet die Abwechslung - Ortsschilder weisen nach Breberen, Kleinwehrhagen, Saeffelen und Millen. Ganz zum Schluss, wenn man denkt "jetzt kann nichts mehr kommen", geht es nach Isenbruch.

Als Grönemeyer sein "Tief im Westen" krächzte, hatte er Isenbruch wohl noch nicht gesehen. Hier verstauben höchstens Trecker die Sonne, und das auch nur, wenn es lange nicht geregnet hat. Saubere Häuser, im niederländischen Stil mit großen, tief herunterreichenden Fenstern oder konservativ-deutsche mit getönten Butzenscheiben wechseln sich ab. In so einem Haus wohnt auch Leo Beckers.

Preiswerte Grundstücke

Er ist Ortsvorsteher und vertritt im Selfkänter Gemeinderat die Interessen der knapp 300 Isenbrucher. Wenn es nach ihm geht, sind es in zwei Jahren noch ein paar mehr: "Ich möchte, dass wir noch ein Baugebiet für 30 Häuser bekommen", sagt der 60-Jährige. Der Bedarf sei da und weist mit dem Kopf in Richtung der niederländischen Nachbarn. Dort sind die Grundstückspreise höher und viele Niederländer kaufen deshalb im Selfkant Häuser.

Die Hemmungen, jenseits der Grenze die neue Heimat zu suchen, sind hier denkbar niedrig. Fast in jeder Familie vermischen sich niederländische und deutsche Geschichte. Rund 30 Prozent der Selfkänter haben einen Limburger in der Familie, jeder hat einen Vorfahr, der aus limburgischen Grenzorten stammt. Vor allem während der 14-jährigen niederländischen Besatzungszeit von 1949 bis 1963, als das Zahlungsmittel im Selfkant Gulden hieß, kamen sich Deutsche und Niederländer nahe. Diese Zeit war die Kindheit von Leo Beckers.

Der gebürtige Millener erinnert sich: "Wir hatten einen deutschen Pass, allerdings mit einem Stempel darin, der uns niederländischem Recht unterstellte." So lernten die Selfkänter niederländisch sprechen, kochen und denken. Kinder gingen in niederländische Schulen. In der Volksschule war das noch kein Problem: "Wir wurden natürlich von niederländischen Lehrern unterrichtet, die zum Teil wenig Deutsch konnten. Als der Selfkant wieder zu Deutschland gehörte, hatten es manche in der Schule oder an der Uni schwer, weil sie über Jahre hinweg nicht in ihrer Muttersprache unterrichtet wurden."

Aber der eingesessene "Westzipfler", um es mit Wendelin Haverkamp zu sagen, hängt sowieso weniger am Deutschen. Jedenfalls hört es sich so an. Der Dialekt erinnert sehr ans Niederländische. Auf den Dörfern dies- und jenseits der Grenze ist er noch gebräuchlich, auch Beckers Frau Josefa, die in Isenbruch geboren ist, spricht ihn. Im Selfkant und auch, wenn sie über die grüne Grenze nach Sittard zum Einkaufen fährt.

Auf nach Sittard

Nach Geilenkirchen oder gar nach Heinsberg fährt sie kaum, "da liegt Sittard einfach näher". Und das nicht nur in Kilometern gerechnet. Wenn Bundeskanzler Konrad Adenauer dem Nachbarn nicht den Selfkant 1963 abgekauft hätte, wäre vielleicht Isenbruch heute nicht der westlichste Punkt Deutschlands, sondern läge im Osten der Niederlanden.