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Erftstadt: Der verhinderte Held der Schleyer-Entführung

Erftstadt : Der verhinderte Held der Schleyer-Entführung

Ferdinand Schmitt hätte ein Held werden können. So dicht wie der Dorfpolizist aus Erftstadt-Liblar bei Köln war 1977 niemand der Roten Armee Fraktion (RAF) auf den Fersen.

„Hanns Martin Schleyer könnte noch leben”, sagt der Polizeibeamte a.D. heute. Der Konjunktiv ist seit 30 Jahren Schmitts treuer Begleiter. Er hatte unter den tausenden Hinweisen den richtigen Tipp auf das „Volksgefängnis” gegeben, wo die RAF den Arbeitgeberpräsidenten gefangen hielt. Aber Schmitts Fernschreiben mit dem Hinweis auf die Wohnung am Renngraben 8 versandete - irgendwo auf dem Dienstweg zwischen Hürth und Köln.

Es war eine der größten Polizeipannen der Nachkriegsgeschichte. Nun, da sich der Deutsche Herbst zum dreißigsten Mal jährt, kommen die Gedanken bei dem 77-Jährigen wieder hoch. Gelegentlich kehrt er zurück zu dem Gebäude, das seit 30 Jahren nur noch als „Schleyer- Hochhaus” firmiert. Der kalte Wind und das schwarz-graue Wolkenspiel lassen Herbststimmung aufkommen. „Da wo das Mädschen steht, haben sie ihn eingesperrt”, sagt Schmitt mit rheinischem Dialekt und zeigt auf den Balkon im dritten Stock.

Rückblick 1977: Deutschland gleicht nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer am 5. September in Köln einem Hochsicherheitstrakt. Im Großraum Köln schwärmen hunderte Polizeibeamte aus, um Wohnungen zu finden, die in das RAF-Raster passen. Das Haus „Zum Renngraben 8” in Erftstadt-Liblar mit knapp 130 Wohnungen erfüllt alle Kriterien: Anonym, in unmittelbarer Nähe zur Autobahn gelegen und mit einer Tiefgarage und Lift ausgestattet.

Während Schmitt am 7. September Hausmeister Korn nach Auffälligkeiten bei Anmietungen in letzter Zeit fragt, wird in Appartement 104 Schleyer gefilmt. Er fleht, die Forderungen der Terroristen zu erfüllen. Als Schmitt mit der Hausverwaltung spricht, riecht er sofort Lunte: Die 800 Mark Kaution waren von einer Frau namens Annerose Lottmann-Bücklers mit einem Bündel Geldscheine bar bezahlt worden. Und beim Einzug wurden keine Möbel in die Wohnung getragen.

Annerose Lottmann-Bücklers war in Wahrheit die damalige RAF- Terroristin Monika Helbing. Schmitt lässt am Nachmittag Fernschreiben Nr. 7 absetzen, doch dann passiert das Unglaubliche: nichts. Ein Kollege von der Dienstelle Hürth sagt ihm später: „Ferdi, der Hinweis ist als nicht relevant eingestuft worden.” Man sieht Schmitt an, wie es in ihm arbeitet, als er den Satz wiederholt.

Schon bei einer schnellen Überprüfung des Namens Lottmann- Bücklers, der auch auf dem Klingelschild stand, hätte das vom damaligen BKA-Präsidenten Horst Herold entwickelte Computersystem PIOS (Personen, Institutionen, Objekte, Sachen) Alarm ausgelöst. Annerose Lottmann-Bücklers hatte binnen kurzer Zeit vier Mal den Personalausweis und zwei Mal den Reisepass als gestohlen gemeldet. Es wurde vermutet, dass sie die Pässe der RAF zur Verfügung stellte und die Terroristen ihre Identität für Anmietungen benutzten.

Als keine Reaktion der höheren Dienststelle erfolgt, will Schmitt Strom und Wasser in der Wohnung Nummer 104 sperren lassen, um die Terroristen aus ihrem Versteck zu locken. Doch dies wird ihm strikt untersagt. Einmal klingelt er sogar an der Haustür. Durch den Spion sehen ihn die Terroristen sicherlich - aber die Tür bleibt zu.

Sechs Wochen später, am 19. Oktober, wird die Leiche Schleyers im Kofferraum eines Audis im französischen Mülhausen gefunden. Die Operation „Big Raushole” zur Freipressung führender RAF-Mitglieder wie Andreas Baader, Jan-Carl Raspe oder Gudrun Ensslin war mit der gescheiterten Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut” endgültig fehlgeschlagen.

Ferdinand Schmitt wurde nicht zum Retter von Hanns Martin Schleyer. Noch heute ist der ehemalige Polizist verbittert über die Anordnungen und Maßregelungen „von oben”, von der „hochheiligen Soko in Köln”, vom fehlenden Vertrauen in die ortskundigen Beamten. Ob er jemals eine Entschuldigung von offizieller Seite erhalten hat? „Nein”, sagt Schmitt. „Die hätte ich auch nicht angenommen.”