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Aachen: Der Niedergang des Altbiers

Aachen : Der Niedergang des Altbiers

Michael Schnitzler dürfte man eigentlich gar nicht fragen, seine Geschäfte laufen, wie Geschäfte laufen sollen. Schnitzler braut und verkauft das Altbier „Uerige”, davon eine ganze Menge, das macht ihn quasi zum Exoten.

Denn der Altbiermarkt ist in den vergangenen 25 Jahren so dramatisch zusammengebrochen, dass es der Branche schwindelig geworden ist.

Schnitzler ist es nicht schwindelig, und wenn doch, dann aus anderen Gründen. Er verkauft zwar nur 20.000 Hektoliter Alt pro Jahr, aber die Tendenz steigt rasant. Weltmarktführer Diebels, das zum Getränke-Konzern Inbev gehört, braut zwar noch 700.000 Hektoliter pro Jahr, aber die Tendenz ist fallend. Wenn man die Tendenz der vergangenen 25 Jahre zugrunde legt, könnte man sagen: rasant fallend, fast so rasant wie der gesamte Alt-Markt.

Vergangene Woche meldete die Warsteiner Gruppe, sie werde die Produktion der ihr gehörenden Frankenheim-Brauerei am 1. März von Neuss nach Warstein im Sauerland verlegen. Der Grund: Die Produktionsauslastung ist auf 23 Prozent gesunken. Damit verschwindet auch die letzte der großen Alt-Brauereien aus dem Raum Düsseldorf; Gatz (Krefeld), Schlösser (Dortmund) und Marktführer Diebels (Issum/Niederrhein) werden schon seit Jahren nicht mehr in Düsseldorf gebraut.

Die Gründe für den Niedergang des Altbiers sind nicht leicht auszumachen. Die Bier-Lobby, etwa der Brauereiverband Nordrhein-Westfalen in Gestalt von Geschäftsführer Jürgen Witt, verweist auf den allgemeinen Rückgang des Bierkonsums: von 146 Litern jährlichem Pro-Kopf-Verbrauch 1985 auf 112 Liter 2007. Das ist aber nur ein Rückgang von 23 Prozent - im Vergleich zu 72 Prozent beim Alt.

Inbev ist ein Konzern, Anfragen werden von der Abteilung corporate affairs beantwortet, wahrscheinlich ist das so etwas wie die Pressestelle. Hier erklärt Oliver Bartelt zu den Gründen des Alt-Konsums: „Den Altbier-Brauern ist es offenbar in der Vergangenheit (...) nicht gelungen, Konsumenten außerhalb des Kernmarktes NRW anzusprechen.” Das mag ja sein, erklärt aber nicht, warum der Kernmarkt sich derart von einem tief im Land verwurzelten Kulturgut abwendet. Jedenfalls macht sich der Niedergang des Altbiers kaum allein an mangelnder Fähigkeit zur Expansion fest.

Also muss man doch Michael Schnitzler fragen.

Schnitzler ist Inhaber der „Uerige”-Brauerei, die 100 Menschen beschäftigt. Dass sein Bier sich gegen den Trend des Marktes so gut verkauft, sagt Schnitzler, habe viel damit zu tun, dass er in sein Bier investiert hat. Die wichtigen Entscheidungen trifft Schnitzler weder mit einer Finanz- noch mit einer Marketingabteilung, die wichtigsten Entscheidungen trifft er mit Braumeister Sergio Mendes. Schnitzler kann sich das leisten, er muss nicht quartalsweise irgendwelchen Aktionären Rechenschaft ablegen, die Firma gehört ja ihm. An Profit denkt er erst, wenn er mit seinem Bier zufrieden ist.

Konsensbiere schmecken anders

Die Alt-Brauer, sagt er, seien am Niedergang des Altbiers selbst schuld. Anstatt das Alt als regionale Spezialität zu etablieren, habe man mit großem Marketing-Aufwand versucht, den Status als bundesweit getrunkenes Bier zu erlangen. Dem geschmacklich weniger charakteristischen - weil milderem - Weizenbier mag das gelungen sein, das sehr viel bitterere Alt kam aus seinem Nischendasein nicht heraus.

Konsensbiere schmecken heute nicht mehr bitter. Die Marketingausgaben erhöhten den Kostendruck, die Qualität wurde vernachlässigt, selbst treue Kunden blieben irgendwann weg. Marktgesetze machen auch vor deutschem Bier nicht halt.

Jürgen Witt sieht trotz allem keinen Grund zur Panik. „Wer weiß”, sagt er, „vielleicht erlebt das Alt schon in zwei, drei Jahren eine Renaissance.” Er jedenfalls könne sich „den Rheinländer ohne sein Alt” nicht vorstellen.

Vielleicht sollte er mal Michael Schnitzler fragen. Schnitzler ist dabei, sein Bier als eigene Biersorte zu etablieren. „Weil wir unser Bier qualitativ höher ansiedeln als als andere Produkte, die als Alt verkauft werden”, sagt er.