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Aachen: Der „Husarenritt” mit einem großen Solisten

Aachen : Der „Husarenritt” mit einem großen Solisten

Andrei Gavrilovs Auftritte gleichen klingenden Wundertüten. Dramatische Formschwankungen in seiner langen, wechselhaften Karriere sorgen immer wieder für Überraschungen, die sich in Sternstunden, aber auch bitteren Pleiten niederschlagen können.

Die Aachener Besucher des 2. Sinfoniekonzerts im Eurogress hatten Glück. Der Russe wirkte entspannt, gefestigt und konnte seine fulminanten Fähigkeiten eindrucksvoll ausspielen.

Und die reichen sogar mühelos für eine überzeugende Interpretation von Sergej Rachmaninoffs „Elefantenkonzert”, dem 3. Klavierkonzert, das seine Wirkung nur entfalten kann, wenn man technisch so souverän agieren kann, dass einem der circensische Sensationscharakter des pianistischen Drahltseilakts den Atem verschlägt.

Das Kopfthema schlug er so zart an, dass es sich kaum gegen die dickliche Orchesterbegleitung durchsetzen konnte. Doch traten immer wieder Anschlagsnuancen hervor, die noch mehr faszinierten als die virtuosen Husarenritte der Solokadenzen oder des Schlusssatzes.

Gavrilov blieb den immensen Anforderungen des Werks nichts schuldig, zeigte Samtpfote und Pranke in harmonischer Ausgewogenheit und präsentierte sich in vorzüglicher Verfassung, was das Publikum zu begeisterten Ovationen hinriss. Mit zwei stilistisch denkbar gegensätzlichen Zugaben von Prokofieff und Chopin bedankte sich der Künstler überglücklich.

Dem Titel des Abends, „Abweichler”, wurde Bosch nach der Pause mit Schostakowitschs eigentümlicher 6. Symphonie eher gerecht als mit dem Rachmaninoff-Beitrag.

Den Trauerton des ausgedehnten Eingangs-Largos rückte Bosch sehr prägnant in die Nähe Mahlers und führte die innere Verzweiflung des relativ kleinen und schlichten Werks zu ergreifenden Höhepunkten.

Eine Interpretation, die klangliches Volumen und bohrende Intensität auf hohem Niveau vereinigte. Seine spieltechnischen Meriten konnte das Sinfonieorchester in den beiden restlichen, kurzen Sätzen unter Beweis stellen.

Hier verkündet Schostakowitsch den staatlich verordneten Optimismus des Stalin-Terrors mit scharf grimassierendem Sarkasmus. Die virtuosen Anforderungen sind hoch und wurden mit beachtlicher Qualität erfüllt. Dass es im irrwitzigen Final-Galopp bisweilen etwas klapperte, liegt in der Natur der Musik.

Ein interessanter und mit großer Begeisterung vom Publikum aufgenommener Abend.