1. Kultur

Würselen: Der Himmel, die Thermik, das Gleiten

Würselen : Der Himmel, die Thermik, das Gleiten

Wenn Hubertus Huttel die langen Beine in die Kanzel schwingt und sich langsam hineingleiten lässt, muss er noch ein bisschen rutschen und schieben, bis er richtig sitzt. 1,90 Meter ist er groß, 60 Zentimeter Platz bietet die Kunststoffhülle in der Breite.

Kuschelig, sagen die einen, Horror, sagen die anderen. Huttel sagt: „Segelfliegen ist, als ob einem aus den Schultern Flügel wachsen.” Wer fliegen will, darf keine Raumangst haben.

Diejenigen, die besonders gut fliegen können, messen sich dieser Tage bei der Segelflug-Landesmeisterschaft auf dem Flugplatz Merzbrück. Für einen wie Huttel geht es nicht bloß um die Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft 2009. Huttel, 56, kann auch den Landesmeistertitel verteidigen, den er im vergangenen Jahr zum ersten Mal gewonnen hat.

Dafür hat er sein Flugzeug in den Anhänger gepackt und ist samt Wohnwagen von Oerlinghausen in Ostwestfalen nach Merzbrück gefahren. 27 Segelflieger kämpfen mehr als eine Woche lang um den Landesmeistertitel. Tagsüber zwängen sie sich ins Cockpit, nachts ins Zelt oder in den Wohnwagen. Wer fliegen will, darf die Enge nicht scheuen.

Huttel war 14 Jahre alt, als er zum ersten Mal in einem Segelflugzeug gesessen hat. Noch so jung und schon die grenzenlose Freiheit am Himmel. „Ein Wahnsinn war das”, sagt er. Er hat das Hobby zum Beruf gemacht, ist Landesausbildungsleiter im Luftsport geworden. Man könnte sagen: Er bringt den Nachwuchs in die Luft.

Am ersten von zehn Wettkampftagen hat Meteorologe Bernd Fischer am PC alle Luftströmungen und Wolkenfelder analysiert und zwei Routen entworfen. Eine für die Flieger mit 15 Metern Spannweite, eine für die mit 18 Metern. Das sind die beiden Wettkampfklassen. Vor den breiteren Fliegern liegen 395 Kilometer. Es geht unter anderem über Koblenz und übers Sauerland. Die schmaleren haben 349 Kilometer vor sich. Auch das dauert. Fünf Stunden vielleicht, je nach Thermik.

Oft müssen die Piloten unterwegs lange kreisen, um Höhe zu gewinnen, das kostet Zeit. Und beim Wettbewerb gewinnt der, der die Route am schnellsten fliegt und dabei nicht über Flugverbotszonen für Segler fliegt, etwa die Flughäfen in Köln und Düsseldorf oder das Forschungszentrum in Jülich. Über die belgische und niederländische Grenze dürften die Piloten zwar fliegen, doch kommt das selten vor, da die Flugkorridore ungünstig sind. Richtung Westen starten die Segler daher so gut wie nie.

Jeder Segelflieger kennt eine Menge Fliegerweisheiten, die älteste ist die: Runter kommen sie immer. Bei Segelfliegern ist allerdings die Frage: wo. Selbst die Besten schaffen es nicht immer zurück zum Startpunkt. 20 Prozent der Starter verlieren unterwegs zu viel Höhe und finden keinen Aufwind, der sie wieder hochbringt.

Sie landen dann auf irgendeinem Acker oder auf einer Wiese und sind froh, wenn sie dabei nicht an einem Maulwurfshügel hängenbleiben, der ihnen eine Fahrwerkklappe wegreißt. Und der Flugschreiber an Bord, der jede Luftbewegung festhält und über Sieg und Niederlage im Wettbewerb entscheidet, registriert: Wertung an dieser Stelle beendet.

Ein Rückholer namens Felix

Über 300 Mal hat Hubertus Huttel schon auf einem Acker gestanden und auf einen Rückholer gewartet. In Merzbrück heißt Huttels Rückholer Felix und ist sein Sohn. Wenn Huttel anruft, hängt Felix den Hänger an den Wagen und fährt los, um Vater und Flugzeug vom Feld zu holen. Jeder Segler hat einen Rückholer dabei, der auch hilft, das Flugzeug morgens zur Startbahn zu schieben, die Tragflächen zu montieren, die Geräte zu überprüfen.

Segelfliegen, kann man sagen ist Teamwork, alleine kommt man nicht in die Luft. Die Teilnehmer unterstützen sich gegenseitig, sonst geht es nicht, weswegen Segelfliegen vor allem eins ist: ein Gemeinschaftserlebnis, auch wenn man am Himmel stundenlang allein ist. Wer fliegen will, muss Nähe zulassen, denn Segelfliegen ist auch Freundschaft, oft sogar das.

Zuschauer sind am Gelände willkommen

Zuschauer sind während der Wettbewerbstage am Flugplatzgelände in Merzbrück willkommen. Die Segelflieger starten in der Regel zwischen 11.30 und 13.30 Uhr per Schleppflug. Die ersten Piloten setzen meist gegen 17 Uhr wieder zur Landung an. Der Wettkampf findet - bei ausreichend gutem Flugwetter - täglich bis Samstag, 2. August, statt.

Abheben können Segelfluginteressierte schon mit 14 Jahren. Dann kann die praktische Ausbildung beginnen. Den Flugschein gibt es ab 16 Jahren. Wer während der Vorbereitung in den Werkstätten des Luftsportvereins Aachen bei Wartungsarbeiten und Reparaturen hilft, kann die Kosten für die Flugerlaubnis senken. Die liegen zwischen 1200 und 2500 Euro.

Segelflug ist Sichtflug. In Wolken dürfen die Flieger nicht hineinsteuern. Moderne Segelflugzeuge erreichen Spitzengeschwindigkeiten von 280 Stundenkilometern. 80 km/h gelten als durchschnittliche Fluggeschwindigkeit.