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Arlon: Der Countdown für Dutroux läuft

Arlon : Der Countdown für Dutroux läuft

Seit einiger Zeit herrscht Unruhe in Arlon am Südzipfel Belgiens. Der 25.000-Einwohner-Ort im so genannten „Areler Land” - einem Fleck, an dem man normalerweise nur auf der Urlaubsreise in den Süden vorbeifährt - schickt sich an, für einige Wochen der „Nabel der Welt” zu werden.

Am 1. März beginnt in der Hauptstadt der Provinz Belgisch-Luxemburg der Prozess gegen den mutmaßlichen Kinderschänder Marc Dutroux. Mehr als tausend Journalisten, Fotofragen und Kameraleute werden erwartet. Ausländische Fernsehteams haben in der unmittelbaren Umgebung des Justizpalastes zu horrenden Preisen Wohnungen gemietet, alle Hotels sind seit langem ausgebucht.

Schlechter Verlierer

Inzwischen wird in den belgischen Medien tagtäglich über alles berichtet, was direkt oder indirekt mit dem „Arlon-Prozess”, wie das Verfahren gegen Dutroux und dessen Komplizen offiziell genannt wird, zu tun hat. Journalisten belagern das Haus von Dutroux Mutter in Obaix im Nordwesten von Charleroi, doch die verweigert inzwischen jedes Interview: „So geht das schon seit sieben Jahren. Was wollen Sie, was ich Ihnen zu meinen Gefühlen sage?”

Ein früherer Spielgefährte des Hauptangeklagten wurde befragt, ebenso ein ehemaliger Zellengenosse aus den 80er Jahren. Der wusste zu berichten, dass Dutroux sexbesessen war und beim Schachspiel hinter Gittern ein schlechter Verlierer war.

Einige der 90 Personen, die bei einer ersten Auswahl als mögliche Mitglieder der zwölfköpfigen Geschworenen-Jury bezeichnet wurden, äußerten sich bereits mit verdecktem Gesicht im Fernsehen.

Gelber Kleinlaster

Eine Nonne aus der Ortschaft Bertrix in den Ardennen wurde großformatig auf der Titelseite einer Tageszeitung abgelichtet, weil sie angeblich im August 1996 den entscheidenden Hinweis gab, der die Ermittler auf die Spur von Dutroux brachte. Der Ordensschwester war ein gelber Kleintransporter aufgefallen, der ziemlich Lärm und viele Abgase machte. Als Gendarmen die Anwohner befragten, ob ihnen am 9. August 1996 etwas aufgefallen sei, habe sie sich an den Transporter erinnert, meinte Soeur Etienne.

Mit dem Fahrzeug war an jenem Tag Laetitia Delhez entführt worden, deren Verschwinden auf Dutroux Spur führte. Als das Mädchen am 15. August 1996 in Marcinelle bei Charleroi gefunden wurde, konnte auch die kleine Sabine Dardenne aus Kain bei Tournai befreit werden, die seit dem 28. Mai 1996 vermisst wurde.

Auszüge aus Briefen

Eine Tageszeitung veröffentlichte gestern Auszüge aus den Briefen, die Sabine seinerzeit aus ihrer Gefangenschaft an ihre Eltern schrieb, aber von Dutroux nie bei der Post aufgegeben wurden. Die Briefe wurden erst nach der Festnahme des Kidnappers gefunden.

Ein TV-Kamerateam war dabei, als Laetitia und Sabine nach dem Ende ihrer Gefangenschaft das Haus von Dutroux in der Route de Philippeville in Marcinelle verließen und ein Polizeifahrzeug bestiegen. Die Bilder gingen um die Welt.

Zwei Tage später fand die Polizei auf einem Grundstück in Sars-la-Buissiere die Leichen der beiden Mädchen Julie Lejeune und Mélissa Russo aus Groce-Hollogne bei Lüttich, nach denen seit dem 24. Juni 1995 gesucht wurde. Zuletzt waren sie auf einer Autobahnbrücke in der Nähe ihres Wohnhauses gesehen worden.

Zusammen mit den beiden verhungerten Kindern entdeckten die Fahnder die Überreste von Bernard Weinstein. Der Franzose hatte eine Zeit lang für Dutroux Handlangerdienste verrichtet und in einem seiner Häuser gewohnt. Anfang September 1996 wurden in Jumet die Leichen zweier vermisster flämischer Mädchen, An Marchal und Eefje Lambrecks, gefunden. Sie waren 1995 während eines Urlaubs an der belgischen Küste gekidnappt worden.

400.000 Seiten

Wenn Dutroux der Prozess gemacht wird, werden den Belgiern jene schmerzvollen Geschehnisse aus dem Jahre 1996 ins Gedächtnis gerufen. Über 400.000 Seiten umfasst die Akte. Angeklagt sind neben Dutroux dessen Ehefrau Michelle Martin, sein Komplize Michel Leli?vre und der Geschäftsmann Michel Nihoul.

Eine wichtige Frage, die es zu klären gilt: Handelte Dutroux nur in seinem eigenen Interesse oder für ein Netz von Kriminellen? Insgesamt werden rund 700 Zeugen vernommen. Für den Prozess sind sechs Wochen angesetzt worden.

Viel Geld

Das Verfahren gegen den Staatsfeind Nummer eins kostet den belgischen Staat viel Geld. Die Ermittlungen gelten als die teuersten in der belgischen Justizgeschichte. Die Gesamtkosten dürften mehrere Millionen Euro betragen.

Sämtliche Dokumente wurden auf drei DVD überspielt, was insbesondere für die Rechtsbeistände Vorteile hat, weil sie quasi auf Knopfdruck jederzeit Einblick ins Dossier erhalten. Kopien der DVD sind bereits an die Presse gelangt. Verschiedene Zeitungen ließen es sich nicht nehmen, von den Inhalten Gebrauch zu machen.

Besonders erpicht sind sie auf die Fotos von verschiedenen Rekonstruktionen, an denen Dutroux beteiligt war. Auf einem Foto, das schon publiziert wurde, sieht man, wie er die entführte Laetitia Delhez aus dem Wohnmobil in sein Haus in Marcinelle trägt. Benoit Grevisse, Universitätsprofessor aus Neu-Löwen, ist besorgt: „Die Grenze des Erträglichen wäre überschritten, wenn demnächst skrupellose Berichterstatter Bilder von der Exhumierung der Leichen von Julie und MZlissa und andere makabre Aufnahmen in Umlauf brächten.”

Fotos für teures Geld

Überdies ist nicht auszuschließen, dass auf DVD gespeicherte Aktenstücke manipuliert werden oder sich Geschäftemacher mit den elektronisch gespeicherten Unterlagen eine goldene Nase verdienen, indem sie beispielsweise Fotos für teures Geld an ausländische Boulevardzeitungen verkaufen.

Belgien hat sich seit August 1996 grundlegend verändert. Der „weiße Marsch” vom 20. Oktober 1996, als mehr als 300000 Menschen in den Straßen von Brüssel eindrucksvoll für eine bessere Justiz demonstrierten, war gewissermaßen der Auftakt eines Wandlungsprozesses, der noch nicht abgeschlossen ist.

Die Reform der Polizei- und Justiz-Apparate war ein erster Schritt, auch wurde die „Mauer des Schweigens” zum Einsturz gebracht. Aber noch liegt vieles im Argen.