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Aachen: Der Angeklagte spricht von einem Komplott

Aachen : Der Angeklagte spricht von einem Komplott

Zwischen Opferverhöhnung und maßloser Verwunderung: Die Bandbreite menschlicher Gefühle wurde am Donnerstag bis zum Reißbereich gedehnt im Aachener Schwurgericht.

Da brach zunächst der mutmaßliche Serienmörder Egidius Sch. (51), der zwischen 1983 und 1990 fünf junge Tramperinnen umgebracht haben soll, am 9. Verhandlungstag sein bislang teilnahmsloses Schweigen. Hoffnung auf Klarheit keimte auf, endlich, wie Viele im Zuschauerraum und hinter den Anwaltstischen meinten.

Wie das Leben selbst ist die Gerichtswirklichkeit kein Wunschkonzert. Was von den leisen Ausführungen des Versicherungskaufmanns aus Niederkrüchten die Ohren der Öffentlichkeit erreichte, war alles andere als ein schonungsloses Geständnis.

Im Gegenteil: „Ich habe noch nie einer Frau Gewalt angetan und noch nie einen Menschen umgebracht”, versicherte der heute korpulente Mann mit Bart der Kammer (Vorsitz Richter Gerd Nohl). Doch: Sein Sperma war bei dem dritten Opfer, einer 17-jährigen Anhalterin, gefunden worden, die 1984 von der Disco „Rockfabrik” nach Hause wollte.

Wie es dahin komme, wollte Nohl wissen. Und ob es Zufall sei, dass das Mädchen am nächsten Morgen erdrosselt aufgefunden wurde. Er habe viele Anhalterinnen mitgenommen und mit vielen Sex gehabt, war die lapidare Antwort. Er sei jünger und athletisch-gebaut gewesen, ja Charme habe er gehabt. Das dauerte manchmal „nur fünf Minuten, um sie rumzukriegen”.

Jenes Mädchen war allerdings bekannt für seine Ernsthaftigkeit und seine Distanz zu Fremden. Zeitliche Zufälle seien das, erklärte der Angeklagte ernsthaft, der sich gefangen wähnt in einem Komplott von Lügen und Polizeigewalt, ausgeübt von den Ermittlern gegen ihn bei schlimmen Verhören, ausgeübt gegen einen „unschuldigen Bürger und Familienvater”, der nur ein wenig Spaß an der Haftsituation gezeigt habe.

Spaß an der Haft, das irre Motiv für sein angeblich falsches Geständnis, wiederholte sich. Über mehrere Stunden versicherte er gestern in sich oft widersprechenden Ausführungen, dass es sich bei seinen damaligen Aussagen um eine Kombination von zum Teil mit Androhung von Gewalt erpressten Geständnissen und eigenen Phantasien zur Befriedigung seiner abartigen masochistischen Sexanlagen gehandelt habe. Gutachter Prof. Hans-Ludwig Kröber (Berlin) fragte genauer nach: „Es war Ihnen der Spaß wert, dass Sie eventuell lebenslang zu einem Freiheitsentzug kommen?”

Und: Wie das denn vonstatten gegangen sei mit der sexuellen Erregung, wollte der Psychiater wissen und ob er ein erigiertes Glied beim Verhör gehabt habe? Ja, sicher, zwar nicht die ganze Zeit, aber immer wieder. Er stehe auf Drucksituationen, Lack und Leder sei sein sexuelles Credo.

Wenn Wachbeamtinnen so im Gericht erscheinen würden, „ist das eine Party für mich”, schnodderte er ins Mikrofon. Dann wieder bemühte er eine Justizverschwörung: „Eiskalt und kaltschnäuzig” habe er seine beiden Verhörbeamten im Zeugenstand lügen sehen. Selbst den Haftrichter, dem er nach seiner Verhaftung vorgeführt wurde, bezichtigte Sch. der Falschaussage.

Er sei nicht belehrt worden und habe andauernd nach einem Anwalt verlangen müssen - erst nach 45 Tagen sei sein heutiger Verteidiger Rainer Dietz (Aachen) zugelassen worden. Schließlich seien ihm „Schläge angedroht worden”.

Gleich alle drei Berufsrichter der Kammer - das ist ungewöhnlich - bemühten sich nacheinander, Sachargumente und Aussagewidersprüche herauszuarbeiten. Selbst Verteidiger Dietz nahm seinen Mandanten hart ran, „um die Fakten klar zu bekommen”, wie er in einer Pause beim Interview sagte. Es gab kein Fortkommen.

Der Vorhalt, der Angeklagte habe mindestens drei Auffindeorte der Frauenleichen benannt, konterte Egidius Sch. cool: Beim einen Mal war es Dorfgespräch, das andere Mal habe der Ort in der Presse gestanden, zum Dritten habe ihm später ein Zellengenosse - Sch. war wegen Versicherungsbetruges angeklagt - die Fundstelle des ersten Opfers geschildert.

Alles Täterwissen, das er in den Vernehmungen zu Protokoll gab, tat er jetzt als „frei erfunden”, als „reine Phantasie” ab. Heute sprechen die Gutachter.