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Der Aachener Dichter Christoph Wenzel wirbt für die Poesie

Gedichte aus Aachen : Lyrik sinnlich leicht wie die Musik

Der Aachener Dichter Christoph Wenzel wirbt für die Poesie. Gerade hat er den Dresdner Lyrikpreis erhalten. Die Juroren attestieren dem 41-Jährigen „klangstarke Provinz- und Heimatkunde“.

Wenn Christoph Wenzel dichtet, soll in der Tragik auch das Heitere aufscheinen.

„das dorf ist ziemlich alt geworden, / es ist im grunde nur noch ehrenamtlich hier, / führt selbstgespräche über die 800-jahrfeier / in den späten 70ern. Ausgestorben / sei die dorfmitte, aber das stimmt so nicht, / sie ist noch immer angeschlossen / an einen geld- und einen zigarettenautomaten, / die herzlungenmaschine. . .“

Ein wunderbares Bild von einem der vielen Orte irgendwo in der Provinz, die nie im Blickpunkt stehen: der Zigarettenautomat als Herzlungenmaschine. So sei sichergestellt, „dass die Gegenden zwar vielleicht, wie es heißt, abgehängt, aber noch nicht vollständig abgeklemmt sind“, meint die Jury, die dem Aachener Autor im November den Dresdner Lyrikpreis 2020 zuerkannt hat. In der Laudatio der Juroren wird Wenzel „klangstarke Provinz- und Heimatkunde“ attestiert. In dessen Werk wird ein „existenzielles Wissen“ erkannt: „Gerade an der Peripherie gedeiht das, was man aus Mangel an anderen Worten das ‚Geheimnis der Existenz in ihrer ganzen tragikomischen Form‘ nennen könnte.“


Sterbende Dörfer

„Lyrik kann Phänomene mit dem Organ der Sprache auf wenig Raum auffächern – mit Ambivalenzen, Uneindeutigkeiten, nicht Beliebigkeiten. Ein guter Roman macht das auf zwei- bis dreihundert Seiten. Ein Gedicht ist im besten Fall ein Weltentwurf auf einer oder einer halben Seite“, sagt Wenzel im Gespräch mit unserer Zeitung. Ob das, was er schreibt, politische Lyrik ist, will er gar nicht definieren; sie sei jedenfalls nicht agitatorisch oder persuasiv (überredend). „Aber es gibt kaum ein Gedicht, und sei es ein Liebesgedicht, das nicht irgendwo doch auch politisch ist. Poesie ist keine marktgängige Literatur; allein durch die Wahl der Gattung trifft man eine politische Entscheidung für die Nische, für die Ränder, auch für die Ränder unserer Wahrnehmung.“

Wenzel (41), der in Hamm geboren wurde, sich seiner alten Heimat nach wie vor verbunden fühlt und seit Studienzeiten in Aachen lebt, kümmert sich um die Ränder, weil er meint, das geschehe zu wenig: Ränder der Gesellschaft, Ränder abseits der urbanen Zentren, Ränder, die nicht zum Mainstream gehören. „Ich glaube, dass an den Rändern die spannendsten Entdeckungen zu machen sind.“ In seinem jüngsten Gedichtband „lidschluss“ (eine wunderschöne Ausgabe in der Edition Korrespondenzen) führt Wenzel in die sterbenden Dörfer im Rheinischen Braunkohlerevier, in die alte Industrielandschaft des Ruhrgebiets, nach Tschernobyl – „Themen, die ich für politisch relevant halte“.                      

„WESTFALEN WIEGT SCHWER, hier, / heißt es, lagert das lachen / bei den kartoffeln: kühltrocken / im keller. man verzichtet ganz / gern auf die krümmung der erde / u. kippt einen klaren mit blick / auf die beckumer berge“ (aus „lidschluss“).

Wenzels Blick auf die Ränder, die Peripherie, die Provinz ist von Ironie geprägt, aber durchaus auch von Liebe, wenn Letztere auch nicht sofort und ohne Weiteres zu erkennen ist. Er selbst will gar nicht von Liebe sprechen, sondern von Empathie. „Es ist eine Art teilnehmende Beobachtung.“ Es sind Abschiedsgedichte. „Die Dörfer im Rheinischen Revier, deren Schicksal besiegelt ist, sind als Ensemble weg. Das lässt sich nicht ändern. Ich will gegenwärtig halten, was dort weg ist, und sichtbar machen, wie prägend es war und ist.“

Dass das, was Identität stiftet, weggebaggert wird, macht ihn traurig. „Es ist ökologisch unsinnig. Es ist traurig, wenn Geschichte – bei all ihren Verwerfungen – leichtfertig abgeräumt wird.“ Heimat sei historisch ein schwieriger Begriff, aber drücke auch die Sehnsucht nach Identitäten aus. „Poesie widersetzt sich Vereinnahmungen, lässt sich nicht einengen.“

Die Poesie, die er in der Schule kennengelernt hatte, habe er als regelgeleitet empfunden – „strenges Metrum, strenge Strophenform, strenges Reimschema“. Aber als 17-Jähriger habe er erkannt: „Man darf mit Sprache frei arbeiten, man muss erst mal gar nichts.“

Wenzel ist einer der Macher des Lyrikmagazins „Trimaran“, dessen zweite Ausgabe gerade erschienen ist (https://trimaran-mag.eu). Es richtet sich an Leser aus Deutschland, Flandern und den Niederlanden. Zwei Dichter bilden dafür jeweils ein deutsch-niederländisches und ein deutsch-flämisches Tandem, übersetzen gegenseitig ihre Werke, „auch wenn sie die Sprache des anderen nicht sprechen“. Das geschehe zunächst in Workshops, in denen die Gedichte interlinear übersetzt werden. „Das heißt: Es entstehen keine fertigen Übersetzungen, sondern sehr wörtliche ohne jeden Schliff, die Assoziationen und Bedeutungen und syntaktische Besonderheiten mitaufnehmen. Aus diesem Rohmatetrial können die Dichterinnen und Dichter in völliger Freiheit etwas machen.“ Dazu gibt es Reportagen und Interviews zur Poesie im deutschsprachigen Raum.


Kein Analyse-Zwang

Wenzel stellt in letzter Zeit wachsendes Interesse an Gegenwartspoesie fest; das schlage sich allerdings nicht in Verkaufszahlen nieder. Er sieht sich auch als Vermittler in Sachen Lyrik. „Ich möchte gerne Menschen für Lyrik begeistern, ihnen Schwellenängste nehmen. Gegenwartspoesie erfordert keine Vorbildung, auch wenn viele das befürchten“, sagt Wenzel. Gelungene Poesie sei nie nur intellektuell. „Sie hat ein großes sinnliches Potenzial und große Unmittelbarkeit – wie ein Musikstück, das Sie sich anhören, ohne den Impuls zu spüren, es analysieren zu müssen.“