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Premiere: Den Rest erledigt die Pest

Premiere : Den Rest erledigt die Pest

Der Westen ist vorerst verloren. Zumindest, wenn es nach Konstantin Küsperts neuem Stück geht. „Der Winter kommt. Unser Sommer geht zu Ende“, sagt die Feldmaus am Schluss. „So ein schöner Sommer! Was hatten wir alles. Wirtschaftwunder. Mondlandung. Europäische Union.“ Wie es eigentlich so weit kommen konnte, dass das alles verloren ist, baut Regisseurin Ruth Messing am Mörgens des Theaters Aachen ein wenig anders auf als der Autor – und gibt dem Stück so einen neuen Dreh, macht es knackiger und kompakter.

„Der Westen“ besteht aus nicht zusammenhängenden Szenen und Dialogen, springt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin und her. Messing teilt das 2018 uraufgeführte Drama in vier Geschichten: wie der Westen zu seinen Problemen kam, wie er mit Bedrohungen umgeht, wie er den Dritten Weltkrieg beschwört – der dann doch ausbleibt – und wie er sich in Küsperts Stück entwickelt.

Anhand historisch inspirierter Szenen und erdachter Zukunftsszenarien werden Erklärungen geliefert: Mit der Teilung Roms und der Versklavung anderer Völker ist der Westen sehenden Auges auf den eigenen Untergang zugesteuert. Bedrohungen, wie ein Komet, werden unter den Teppich gekehrt. Unüberlegte militärische Manöver führen fast in einen Atomkrieg.

Messing arbeitet in ihrer ersten Aachener Inszenierung mit einem rein männlichen, gut aufgelegten, blitzschnellen und wachen Ensemble, in dem jeder eine Vielzahl von Rollen annimmt. Julian Koechlin überzeugt als schwäbelnder USA-Auswanderer, revoltierender Sklave, Kanzlerin Merkel mit säuerlicher Mimik und pestgeplagte Zukunftsversion seiner selbst. Tommy Wiesner springt vom proletenhaften Schweinebauern aus Brandenburg zur nasewackelnden, durch den Müll huschenden Feldmaus. Ognjen Koldzic kommt besonders als ewig laufender und springender Videospielcharakter Super Mario gut an, der seinen Individualismus vermisst, Marco Wohlwend (Gast) als ernüchterte Lady Liberty und Jonah Quast (Gast) als Lucky Luke, der ein Plädoyer für die Rechtsstaatlichkeit und gegen die Waffenvernarrtheit der Amerikaner hält .

Malcom Kemp liefert mit E-Piano, Akustikgitarre und Percussions perfekt platzierte musikalische und klangliche Untermalung, mit Stimmen und Stampfen unterstützt vom Ensemble. Den Prolog zur atomaren Fast-Zerstörung der Erde verpackt die Inszenierung in eine Mischung aus pointiertem Rap und wechselseitigem Monolog. Messing lässt das Ensemble in Fantasieuniformen von Dirk Traufelder auf einer Bühne (Laura Wallraffen), die ein ramponiertes Theater zeigt, immer neue Rollen annehmen.

Die Werte des Westens haben am Ende keine Bedeutung mehr: Die westlichen Staaten sind in Protektorate unter der Herrschaft Chinas aufgeteilt, die Bevölkerung wird von einfachen Erkrankungen dahingerafft. Den Rest erledigt die Pest.

Bei aller Düsternis der Thematik hebt der Text die Absurdidät der Ereignisse mit beiläufig gesetzten trockenen Kommentare hervor. Die Inszenierung bringt diese hervorragend auf die Bühne und streut eigene ein – „Wo sind eigentlich die ganzen Mädels?“, fragt einer, als Koechlin in die Rolle der Königin Isabella schlüpft. Unvermittelt wechseln die Darsteller in Dialekte, dürfen dem Text Blödeleien und kleine, aktuelle und lokale Spitzen hinzufügen. In Messings Inszenierung gewinnt „Der Westen“ so an Kurzweil und einer gewissen Straffung. Ganz einfach ist es dennoch nicht immer, dem sprunghaften Geschehen zu folgen.