Aachen: Den begabten Schüler für „Alcina“ nach Aachen geschickt

Aachen: Den begabten Schüler für „Alcina“ nach Aachen geschickt

Vor zweieinhalb Monaten hatte Jakub Jozef Orlinski höchstens ein vage Ahnung, wo in der Welt denn Aachen liegt. Der 25-jährige polnische Sänger studierte (und das macht er heute noch) an der Musikhochschule Warschau das seltene Fach eines Countertenors. Allenfalls seine Lehrerin, Anna Radziejewska, mag ihm vom hiesigen Theater erzählt haben.

Als Donna war sie in der letzten Spielzeit prominent in der Oper „Superflumina“ besetzt. Als jetzt ein Countertenor für die Partie des Ruggiero in Händels Oper „Alcina“ gesucht wurde, schickte Radziejewska ihren begabten Schüler nach Aachen. Im Januar war das Vorsingen, nun ist der schlanke junge Mann schon fast sechs Wochen hier. In der Wohnung von Generalmusikdirektor Kazem Abdullah hat er ein Obdach auf Zeit gefunden, da sind die Wege kurz zum Theater, wo Jakub Jozef Orlinski sein erstes Profi-Engagement bestreitet. „Es macht großen Spaß“, verrät der sympathisch unkomplizierte Sänger beim Gespräch zwischen zwei Proben.

„Und es funktioniert“

„Wenn du auf der Bühne stehst, gibt’s nur eins: Mach es.“ Diesen Satz seiner Lehrerin wiederholt Jakub, wie der Sänger inzwischen im Theater nur heißt, mantramäßig jeden Tag aufs Neue. „Ich habe natürlich im Studium einige Male auf der Bühne gestanden“, erzählt er, „aber da ist meine Konzentration viel mehr auf technische Abläufe gerichtet gewesen. Hier muss ich darauf vertrauen, dass alles sitzt. Und es funktioniert.“

Ein Probenbesuch bestätigt den Eindruck: Orlinski scheint für die Rolle des Kriegers, der sich von der bezaubernden Alcina (Katharina Hagopian) becircen lässt, wie geschaffen. Wie selbstverständlich bewegt er sich in dem fast leeren, morbiden Bühnenraum, in dem er für die gesamte Dauer der Oper — annähernd drei Stunden — auf dem Präsentierteller steht. Ganz selbstverständlich lässt er sich von der Titelfigur umgarnen, zu Zärtlichkeiten bewegen, kann aber dabei eine Distanz ausspielen, die die ganze Problematik des Stücks sowie seiner Rolle ausdrückt — und ihm schließlich eine (Theater-)Ohrfeige einbringt.

Denn in „Alcina“, der nach „Ariodante“ zweiten der Händel-Opern, die aus dem Umkreis von Ariosts „Der rasende Roland“ stammen und aus Anlass des Karls-Jahres von Jarg Pataki am Theater zur Aufführung kommen, stehen die Zauberin und der Krieger im Mittelpunkt. Acina sammelt — ähnlich wie die Homer’sche Circe — Liebhaber, die sie nach Gebrauch in Kunstwerke verwandelt; Ruggiero verfällt zunächst auch ihrem Charme, fühlt sich aber dann doch seinem angestammten Leben verpflichtet. Das verkörpert seine Verlobte, die verkleidet in Alcinas Zauberreich eindringt und erfolgreich intrigiert.

„Sinnlichkeit oder Verantwortung, das sind die Pole, zwischen denen sich Ruggiero entscheiden muss“, formuliert es Dramaturg Michael Dühn. Ihn fasziniert die stringente psychologische Entwicklung, die — für Händels Zeit durchaus ungewöhnlich — die Hauptfiguren der Oper nehmen. Es ist auch die Geschichte der Künstlerin (Alcina) und ihrer Muse (Ruggiero). Im ersten Akt herrscht noch eitel Sonnenschein, im zweiten hat Alcina schon an Zauber verloren, bis im dritten ihre Welt untergeht. „Wir haben uns ein bisschen an Andy Warhols Factory angelehnt, als wir Ideen fürs Bühnenbild suchten“, verrät Dühn. Deshalb steht in Aachen keine Zauberin auf der Bühne, sondern eine Frau, die aus den Gefühlen ihrer Mitmenschen ihre Kunst schafft.

Dass die Partie des Ruggiero männlich besetzt ist und nicht, wie heute üblich, mit einer Sopranistin, hat szenisch erheblich Vorteile. Gerade, wenn der Countertenor so aussieht wie Orlinski. Dass er überhaupt dieses seltene Gesangsfach studiert, hat übrigens mit einer Art Lotterie zu tun, bei der der Heranwachsende zur Aufführung eines Renaissance-Werkes die „Niete“ zog und die „unmännliche“ Counter-Partie abbekam. „Du musst dazu kommen, dass das Falsett deine natürliche Stimme wird. Dabei benutzen wir ja nur einen kleinen Teil der Stimmbänder, was die Kontrolle erheblich schwierig macht“, sagt der Mann mit der baritonalen Sprechstimme.

Man müsse alle Verspannung fallen lassen, dann könne man auch in der Kopfstimme eine große dynamische wie klangliche Ausdrucksfähigkeit erwerben. „Wenn alles stimmt, kommt auch mein Pianissimo bis in die letzte Reihe“, sagt er. Und gibt zu: „Mein erstes Profi-Engagement macht mir große Freude. Das Ensemble ist super. Für mich ist das ein sehr befriedigendes Gefühl.“

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