Oberhausen: David Gilmour setzt auf ein bewährtes Rezept

Oberhausen: David Gilmour setzt auf ein bewährtes Rezept

Es sei das erste Mal, dass er Pink Floyd sehe, sagt der junge Mann auf der Tribüne in der ausverkauften Oberhausener Arena. Pink Floyd? David Gilmour steht auf dem Programm. Aber der ist ja irgendwie Pink Floyd. Nur ohne Pink Floyd.

Ist das Fluch oder Segen? Vielleicht beides. Für die meisten Fans sind David Gilmour und Pink Floyd eines. Nachvollziehbar. Denn der mittlerweile 69-jährige hat es mit Leichtigkeit geschafft, den Mythos Pink Floyd in seine Solokarriere zu retten. Mit allem, was dazu gehört. Perfekte Lightshow, rundem Videoscreen mit bunten Animationen und Filmchen, deren Sinn sich nicht jedem erschließen mag. Geschenkt. Nett anzuschauen ist es allemal.

Floyd oder Gilmour. Oder umgekehrt? Die 10.000 Menschen beim einzigen Gilmour-Konzert Deutschlands warten auf die Klassiker. Sie lechzen nach dieser Stimme und nach diesem unverwechselbaren Ton, den Gilmour seinen Gitarren entlockt. Sie wollen dieses Wehklagen, dieses Schmeichelnde. Die schweren Soundgebilde und filigranen Riffs.

David Gilmour ist wie wenige andere im Rock-Business so unverwechselbar, so typisch, so eigen. Ein einziger Ton genügt. Ein langgezogenes, halliges, leicht verzerrtes „A“ als Einstieg ins erste Solo des Abends — und Gilmour ist angekommen. In den Ohren und Herzen der Fans. Sie sind begeistert. Zu Recht. Denn ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter Abend steht ihnen bevor.

Gilmour promotet auf dieser Tour auch sein neues Album. Und das Besondere ist, dass es noch kaum einer kennt. Erst einen Tag vor dem Oberhausener Konzert ist „Rattle That Lock“ auf den Markt gekommen. Für viele gibt es an diesem Abend viel Unbekanntes. Ein Risiko? Spannend allemal. Gilmour wählt die gebremste Risiko-Variante.

Vor knapp zehn Jahren, als er mit „On An Island“ im Gepäck auf Tour war, spielte er im ersten Teil des Konzertes das komplette neue Album, um dann im zweiten Teil ganz tief in die Hitkiste zu greifen. Ambitioniert. 2015 ist das anders. Drei Songs von „Rattle That Lock“ eröffnen die Show. Wunderschöne Songs, die aber noch verhalten angenommen werden. Was tun? Klar: Auf Bewährtes setzen. „Wish You Were Here“ zum Beispiel, der Mega-Seller. Der Fan erhebt sich und ist glücklich. Pink Floyd eben.

Mit David Gilmour. Oder von ihm — wie man will. Das Rezept funktioniert perfekt. Neue Songs gemischt mit bewährtem Material: „The Blue“ (On An Island), dann „Money und „Us And Them“ vom wohl erfolgreichsten Pink-Floyd-Album „Dark Side Of The Moon“. Die Halle, wenn man das so sagen darf, kocht, „High Hopes“ vom Album „Divison Bell“ schließt den ersten Set. David Gilmour, hat jetzt schon alles richtig gemacht.

Und einer findet es Käse ...

Nach der Pause geht Gilmour ganz weit zurück in die Geschichte. „Astronomy Domine“ und „Fat Old Sun“ lassen die Zeit der Endsechziger wieder aufleben. Brachialer Klang, kreischende Gitarren, wummernder Bass — das funktioniert. Ein feuriges „Comfortably Numb“ von „The Wall“ beschließt das gut zweieinhalbstündige Konzert. In dem ein Song vielleicht noch eine Erwähnung verdient.

Weil er so untypisch für diesen Abend ist: „The Girl In The Yellow Dress“ vom aktuellen Album. Eine Art Bar-Blues, angenehm ruhig, swingend, leicht. Ein Kontrapunkt zu vielem zuvor. Ausnahmsweise einmal ohne krachendes Gitarrensolo (davon gab es auch ausreichend!), dafür — wieder — mit wunderschönem Saxofon. Wohltuend. „Gerade den fand ich Käse“, sagt der Floyd-Fan auf dem Heimweg. Schade eigentlich, und bemerkenswert. Wie der gesamte Abend.

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