Düsseldorf: David Bowies „Lazarus“: Schwülstiges Requiem für ein Alien

Düsseldorf : David Bowies „Lazarus“: Schwülstiges Requiem für ein Alien

Draußen vor dem Schauspielhaus klafft ein Riesenloch, drinnen scheint die Rakete startklar zum Höhenflug. Doch zunächst klettert der Regisseur auf die Bühne. Nie ein gutes Zeichen. Wird Matthias Hartmann etwa zu den Machtmissbrauchs-Vorwürfen Stellung beziehen, die sich zwar auf seine Vergangenheit als Burgtheater-Chef beziehen, aber gerade an diesem Düsseldorfer Premierenwochenende durch die Medien rausche? Nein, dazu kein Wort.

Der 54-Jährige findet’s „toll“, dass die Zuschauer den Weg durch die Baustelle gefunden haben und macht sich stark für das Haus. Noch immer wird es saniert und gleichzeitig gerne zur Spardiskussion gestellt; davor soll ein gigantischer Büro- und Geschäftskomplex samt Tiefgarage das Riesenloch füllen.

Daher ist das Schauspielhaus eigentlich geschlossen — und wird es voraussichtlich bis zur Saison 2019/20 auch bleiben. Aber Intendant Wilfried Schulz hat — wie bereits für die düsterpoppige Musicaloper „Der Sandmann“ von Bühnenmagier Robert Wilson — eine Ausnahme erstritten. Er hat ja auch wieder einen Coup vorzuweisen, wieder einen Starnamen, wieder ein Musical: David Bowies „Lazarus“ wird erstmals in deutscher Sprache präsentiert. Kurz nach der Uraufführung Ende 2015 in New York starb der Ausnahmekünstler an Leberkrebs. Sein Musical ein letzter Abschiedsgruß?

Der Hauptdarsteller hat Bronchitis

Und dann das: Der Regisseur muss verkünden, dass sein Hauptdarsteller eine Bronchitis hat. Der Arzt habe ihm erlaubt zu singen. „Aber es klingt nicht so wie sonst.“ Dasselbe Schicksal hat auch eine weitere Darstellerin ereilt. Hustenarien werden zwar nicht folgen, doch eine sängerische Beurteilung verbietet sich damit.

Der Sternenhimmel glitzert immerhin prächtig. Im Dustern ragt das Gerippe einer Rakete in den Bühnenhimmel, darunter eine runde Scheibe (soll das etwa eine blutrote Schallplatte sein?) mit Kingsize-Bett, gesäumt von zwei Showtreppen und drei Videowänden. Über den Graben mit der achtköpfigen Band ragt ein Steg zum Publikum. „Look up here, I’m in heaven“ (Schaut hier hoch, ich bin im Himmel) — bevor die erste „Lazarus“-Liedzeile erklingt, gibt es als Kurzreferat eine Art „Was bisher geschah“. Wohl für die Zuschauer, die weder den Science-Fiction-Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1963) von Walter Tevis noch den Film von Nicolas Roeg kennen.

An diese Geschichte nämlich knüpft das Musical an: Bowie selbst spielte im Film von 1976 mit orangeroten Haaren und rosa Lippen den Außerirdischen Thomas Jerome Newton, der von seinem verdorrenden Planeten auf die Erde kommt, um Wasser zu suchen. Dort macht er mit Patenten Kohle, trifft böse Menschen, sieht viel fern, trinkt noch mehr Gin und bleibt Außenseiter fern der Heimat. Roegs psychedelisch angehauchtes Kunstkino stopfte die vielen schwarzen Logik-Löcher mit verrückten Bildern und dem extraseltsamen Bowie. In seiner mehr als 50-jährigen Karriere war der Über- und Außerirdische ein Meister des Wandels — der Sounds und Stile, der Geschlechter und Images, der Masken und Frisuren, doch immer blieb er ein „Freak der Sterne“, der (mit „Ziggy Stardust“, „Major Tom“ und vielen anderen) fasziniert das All besang, irgendwie nie von dieser Welt.

„Lazarus“ nun ist ein Requiem für das Alien. Im Titel spielt es auf die biblische Figur an, den kranken Lazarus, den Jesus von den Toten erweckte. Im Zentrum wartet Newton, ein Sterbender, der nicht sterben kann. Äußerlich sieht der norwegische Performer und Sänger Hans Petter Melø Dahl dem mittelalten Bowie-Beau im Designeranzug entfernt ähnlich, darstellerisch gibt er eher ein Alien aus der Augsburger Puppenkiste: stocksteif wie eine Marionette, Standbein, Spielbein auf (na klar) glitzernden Plateausohlen, wippendes Knie, geballte Fäuste, Hände zum Herzen (Liebe!) oder zu den Schläfen (Wahnsinn!).

Um ihn herum geistern ein paar andere Figuren: etwa ein Mädchen, das ihm helfen will, ein Raumschiff für die Rückkehr zu bauen, ein mörderischer Engel mit schwarzen Flügeln oder eine aufdringliche Assistentin im Clinch mit ihrem eifersüchtigen Ehemann. Kann sein, dass sie für Prinzipien wie Hoffnung, Zerstörung und Liebe stehen; kann sein, dass wir da einen Traum oder „chemische Rülpser“ im Künstlerkopf erleben. Aber für Drogentrip oder Todeswahn ist das Ganze weder abgefahren noch verstörend genug.

Von Hartmann wird der Abend brav szenisch arrangiert und mit kitschig-schicken Videobildern (von Stephan Komitsch und Roman Kuskowski) dekoriert. Da blitzen Sterne, perlen Regentropfen oder dräuen Wolken beim Warten auf den nächsten Song. Insgesamt 17 Lieder präsentiert „Lazarus“, neu arrangierte Bowie-Klassiker wie „Life On Mars?“, „Changes“ oder „Heroes“ und vier eigens komponierte Songs.

Klassiker und neue Songs

Der Düsseldorfer Sound wabert ziemlich schwülstig und breiig aus dem Graben, gesungen wird gerne mit Schmalz und Druck. Dazu müssen drei „Girls“ in hautengen Trikots Mähnen werfen, Hüften schwingen, Glieder strecken und ab und zu ein „Schalalala“ aus dem Hintergrund singen, während ernst zu nehmende Schauspieler wie Rosa Enskat und Publikumsliebling André Kaczmarczyk die Löcher zwischen den Songs mit Dialogen wie diesen füllen: „Ich will von Liebe umgeben sein. Wirklich.“ — „Ja, ich auch.“ Kaum zu glauben, dass der irische Dramatiker Enda Walsh („Disco Pigs“, „Misterman“) als Bowies Co-Autor fungiert haben soll, aber er verbeugt sich am Ende tatsächlich.

Während man noch nachdenkt, was dieser Liederabend in einem hoch subventionierten Schauspielhaus verloren hat, hebt die Rakete dann endlich wirklich nebelumtost ab. Um kurz darauf, zurück aus dem Bühnenhimmel, wieder ganz illusionslos zu landen — zum Applaus. Jubel, Klatschen im Stehen, Zugaben.

Und bei manch einem (Bowie-Fan oder nicht) Entsetzen. Da hilft zurück zu Hause nur: viel Gin. Und Bowie himself. Zum Beispiel seinen letzten Videoclip „Lazarus“ gucken: Da liegt er mit gesträubten weißen Haaren im Krankenbett, im Antlitz ein Verband mit Knopfaugen — und doch blickt er dem Tod mutig ins Auge. Und schwebt. In diesen vier Videoclip-Minuten stecken mehr Trauer und Hoffnung, Witz und Geheimnis, Ironie und Ausdruck, Atmen und Sterben als in den zwei langen Düsseldorfer Bühnenstunden. „Look up here, I’m in heaven.“

Weitere Aufführungen im Schauspielhaus bis 15. Juli. Karten beim Kundenservice des Medienhauses Zeitungsverlag Aachen.

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