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Amsterdam: „Das war unser 11. September”

Amsterdam : „Das war unser 11. September”

Jan Hanzenstraat 114, Amsterdam-West: Hier soll der Hass wohnen. Hass auf Hedonisten, Häretiker, Homosexuelle. Versteckt in einem unscheinbaren Backsteinbau, der wie ein Gemeindehaus aussieht, in dem Kinder Strohsterne für Weihnachten basteln und der Kirchenchor probt.

Es ist acht Uhr abends. In der Al-Tawhid-Moschee herrscht reges Kommen und Gehen. Von der gegenüberliegenden Straßenseite dringt der Duft der großen niederländischen Freiheit herüber: Grasgeruch aus einem Coffeeshop.

Der Moschee-Eingang ist videoüberwacht. Ein junger Muslim mit „Security”-Sticker auf der Jacke geht wachsam auf und ab. Nach der jüngsten Brandanschlags-Serie auf islamische Einrichtungen hat die Gemeinde ihre eigene Bewachung organisiert. Ein Schild verbietet Filmaufnahmen.

Die Al-Tawhid-Moschee gilt als eine der radikalsten in den Niederlanden, der Verfassungsschutz hat sie im Visier. Dem Imam werden Kontakte zu saudi-arabischen Terrorgruppen nachgesagt. Demokraten sieht er als Söhne Satans, zuletzt geriet er in die Kritik, weil er dazu aufrief, Homosexuelle von Dächern zu stürzen. Die Stimmen, die seine Ausweisung fordern, werden lauter. Doch der Imam hat einen niederländischen Pass - wie auch Mohammed B.

Der Islamist und mutmaßliche Mörder des Filmemachers Theo van Gogh ging in der Al-Tawhid-Moschee ein und aus. Er sei eine tickende Zeitbombe gewesen, hieß es dort, nachdem bekannt wurde, dass der junge Mann Kontakte zu einer Terrorzelle unterhielt. Warum die Al-Tawhid-Muslime vorher schwiegen? Dafür haben die Gläubigen vor der Moschee keine Erklärung. Abdullah etwa zuckt nur mit den Schultern, schreibt eine Telefonnummer auf. „Rufen Sie dort an. Wir wollen nach all dem, was passiert ist, lieber mit einer Stimme sprechen.” Dann verschwindet der in eine weiße Dschelaba gekleidete Mann zum Gebet. In der Tür dreht er sich nochmal um und sagt: „Mord im Namen Allahs, das ist abscheulich. Ich habe Angst, dass die Muslime nun alle über einen Kamm geschoren werden, dass sich die Gewalt gegen uns hochschaukelt.”

Koninginneweg 157 im feinen Amsterdamer Süden: Auch bei Max Pam geht die Angst um. Der Publizist ist ein enger Freund des ermordeten Theo van Gogh. Die Ränder unter seinen Augen sind tief und schwarz. Seit zwei Wochen schläft er kaum, meidet Menschen, geht nur mit Mischlingshündin Liena vor die Tür. „Was ist das für ein Land, in dem ein Mann wie Theo auf offener Straße abgestochen wird und eine islamkritische Parlamentsabgeordnete wie Salman Rushdie im Untergrund leben muss. Das ist doch unglaublich”, sagt er.

Aus seinen Worten spricht Bitterkeit, aber auch Wut. Max Pam redet von Ayaan Hirsi Ali. Die Somalierin floh einst vor Beschneidung und Zwangsverheiratung in die Niederlande, produzierte zuletzt mit Theo van Gogh den Film „Submission”, der die Unterdrückung der Frau im Islam provokant thematisiert. Sein Mörder rammte van Gogh mit einem Messer eine Todesdrohung gegen Hirsi Ali in die Brust.

Der Regisseur bereitete ein großes Fernseh-Interview mit ihr vor. Sein Freund Pam sollte dies nun übernehmen. Er lehnte ab. „Ich habe Angst um meine Familie, will nicht, dass mein Sohn nur noch mit Leibwächtern in die Schule gehen kann”, sagt der besorgte Vater in ihm. Er weiß, dass er als Publizist eine andere Entscheidung hätte treffen müssen: „Selbstzensur aus Angst untergräbt die Meinungsfreiheit. Das zersetzt eine Gesellschaft von innen”, meint Pam. Nicht zuletzt deshalb spielte er sogar mit dem Gedanken, zu Verwandten in die Schweiz auszuwandern - verwarf ihn aber wieder: „Schreiben ist mein Beruf. Niederländisch ist meine Muttersprache. Wo meine Sprache ist, ist auch meine Heimat.”

De Ruyterkade 125, Amsterdam-Centrum, Nähe Bahnhof: Hier hat der aus dem Surinam stammende „Vorzeige-Einwanderer” Adjiedj Bakas eine Unternehmensberatung aufgebaut. Heimat ist für ihn dort, wo man gerade lebt. „Wenn jemand freiwillig in ein anderes Land geht, dann kann er dort nicht Ghetto spielen und eine Kopie seiner alten Identität behalten. Er muss bereit sein, sich und seine Werte zu überdenken, aber auch weiterzuentwickeln. Wer das nicht will, soll gehen”, meint der 40-Jährige, der mit Theo van Gogh einen Film über Integration produziert hat.

Bakas ist einer der führenden Trendforscher des Landes und sieht große Probleme auf die Niederlande zukommen: Schon jetzt gebe es kaum noch eine Mittelschicht in den großen Städten. Es bestehe nun die Gefahr, dass auch die Eliten abwanderten - und eine unqualifizierte Unterschicht zurückbleibe. Kapital und kluge Köpfe würden vor der „marokkanischen Bedrohung” regelrecht fliehen, behauptet er. Und fügt hinzu: „Wenn die Politik zulässt, dass Extremisten unser Land kolonisieren, dann bin ich weg.” Bakas Büroeinrichtung spiegelt diese Entschlossenheit wider: Die edlen Möbel und Accessoires aus dem Palast eines indischen Maharadscha sind so montiert, dass er sie jederzeit einpacken und irgendwo anders aufbauen kann. Wo? „In der neuen Heimat.” Egal, wo die ist.

Bakas Thesen klingen hart und kalt. Doch sie sind in den Niederlanden quer durch das politische Spektrum verbreitet. Ein Vermächtnis, das der von einem radikalen Tierschützer erschossene Rechtspopulist Pim Fortuyn den einst so politisch überkorrekten Landsleuten hinterlassen hat.

Auf den Straßen Amsterdams haben derzeit Horror-Geschichten über Problem-Viertel Hochkonjunktur, die fest in marokkanischer Hand sind. Wo Allah und Arbeitslosigkeit den tristen Alltag beherrschen, wo die Polizei sich nicht mehr traut, für Ordnung zu sorgen, wo westlich gekleidete Menschen mit Steinen beworfen werden.

Orte, an denen das niederländische Establishment nun den Scherbenhaufen einer gescheiterten Politik zusammenkehren muss. Wohl wissend, dass es keine Alternative zu verstärkten Integrationsbemühungen gibt. Denn bis 2010 werden die Zuwanderer in Städten wie Amsterdam, Rotterdam und Den Haag die Bevölkerungsmehrheit stellen. Sie gebären die meisten Kinder, sie sind die Zukunft des Landes.

Linnaeusstraat, Amsterdam-Ost: Hier wollen die Menschen von solchen Szenarien nichts wissen. Sie suchen krampfhaft einen Weg zurück in die Normalität. In der beschaulichen Einkaufsstraße wurde Theo van Gogh am helllichten Tag regelrecht hingerichtet - schräg gegenüber der Polizeistation. Die Spuren der Trauer an der Mordstelle sind beseitigt. Der Alltag ist wieder eingekehrt - oberflächlich zumindest. „Das war unser 11. September. Wir waren viel zu naiv”, sagt der Optiker, der das Attentat von seinem Fenster aus miterleben musste. Wie es nun weitergehen soll? Er zieht ratlos die Schultern hoch.

Mit dem Provokateur van Gogh starb auch endgültig die Illusion einer heilen Multi-Kulti-Kuschelwelt, lebten bestehende Gegensätze in ungeahnter Schärfe auf. Zurück bleiben Fassungslosigkeit und viele Fragen, auf die bisher niemand eine Antwort hat.

An der Stelle, wo Mohammed B. den Regisseur im Namen Allahs niederstach und dann die Hände dankend zum Himmel hob, hängt ein letztes Kondolenzschreiben, das den Zustand kollektiver Ratlosigkeit bestens ausdrückt: „Hey Theo, wenn es einen Gott gäbe, dann wäre das nicht passiert!”