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Köln: Das unsichtbare Verbrechen: „Begehbares Hörspiel” in Köln

Köln : Das unsichtbare Verbrechen: „Begehbares Hörspiel” in Köln

Rumms! Was war das? Alle im Restaurant schauen zum Fenster. Atemlose Stille. Da hat draußen jemand eine Frau vor die Scheibe gestoßen, und jetzt schlägt er sie. Im Lokal herrscht für Augenblicke völlige Stille. Dann ruft ein Kind: „Die kloppen sich!”

Eine Jugendliche kichert: „Wie die alle schockiert gucken!” Aber inzwischen hat der Schläger von der Frau abgelassen. Aufatmen an den Tischen. Bald herrscht wieder das gleiche Stimmengewirr wie vorher.

Diese Szene kann man bis zum 25. Januar kommenden Jahres in einem Raum des Kölner Museums Ludwig erleben. Das meiste davon spielt sich allerdings nur im eigenen Kopf ab, denn zu sehen ist fast nichts: Nur zwölf Tische mit Stühlen und auf den Tischplatten Lautsprecherboxen.

Aus jeder Box klingt eine andere Stimme. Hier sind es zwei ältere Damen, dort eine Familie, da Geschäftsleute. Der Museumsbesucher kann sich dazusetzen und sie belauschen, an einem Tisch wird er sogar selbst angesprochen. Der Berliner Regisseur und Autor Paul Plamper (36) bezeichnet die Installation als begehbares Hörspiel oder auch „Hörspiel-Skulptur”.

Zur Hilfe kommt niemand

Der Besucher weiß zunächst gar nicht, worum es geht, er muss sich erst einmal einhören und kommt nur nach und nach dahinter, was eigentlich vorgefallen ist. An einem Tisch werden der prügelnde Mann und sein Opfer kurzerhand als „Junkies” abgetan, am nächsten lautet die Reaktion: „Voll Hartz IV.” Zu Hilfe kommt der Frau niemand. Eine Mutter glaubt, dass die Gäste zwei Tische weiter über Handy bereits die Polizei gerufen haben. Doch wer sich dazusetzt und näher hinhört, stellt fest, dass dort zwei Leute aus der Medienbranche die ganze Zeit telefonieren, und dies keineswegs mit der Polizei. Jeder Gast hat einen anderen Grund, warum gerade er nicht einschreiten muss.

Die Wirkung ist verblüffend, der Besucher bekommt das Gefühl, selbst Teil eines komplexen Geschehens zu sein. Die Stimmen sind sehr genau aufeinander abgestimmt. Plamper hat dafür Schauspieler wie Martin Wuttke, Bastian Pastewka und Irm Hermann gewonnen, aber einige der Rollen auch mit Laien besetzt, woraus sich eine überzeugende Mischung ergibt. Der spannendste Moment kommt, wenn die Gespräche angesichts der Prügelszene verebben und alles still wird. „Es ist die Ruhe als unbegrenzter Raum für Möglichkeiten”, sagt Plamper. „Aber es tut dann eben doch keiner was.”

Der Besucher fragt sich unwillkürlich, wie er selbst in einer solchen Situation reagieren würde. „Es wird so viele Bilder dieses Vorfalls geben, wie Menschen diesen Raum betreten”, sagt Plamper. „Jeder sieht das, was er sehen möchte.” Ein faszinierendes, ein beklemmendes Experiment.

Das Museum Ludwig am Heinrich-Böll-Platz in Köln ist von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet, jeden ersten Freitag im Monat von 10 bis 22 Uhr. Der Eintritt kostet 9 Euro, ermäßigt 6 Euro.