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Fotoausstellung in Maastricht: Das Unsichtbare sichtbar machen

Fotoausstellung in Maastricht : Das Unsichtbare sichtbar machen

Suche nach den unsichtbaren Geschichten hinter der Fassade: beeindruckende Retrospektive des Konzeptkünstlers Hrair Sarkissian im Bonnefantenmuseum in Maastricht.

Es sind Widersprüche, Unvereinbares, Kontraste, die der Fotograf Hrair Sarkissian in seinen oft großformatigen Bildern sichtbar machen will. Er deckt die Geschichten auf, die hinter der Oberfläche liegen. Und er bringt die Betrachterinnen und Betrachter seiner Bilder dazu, über Flucht, Heimat, über Krieg und Vertreibung nachzudenken, obwohl seine Fotos auf den ersten Blick nichts davon zeigen. Ja, ganz im Gegenteil, sie bilden Schönes, manchmal scheinbar Perfektes ab. „The Other Side of Silence“ heißt die erste große niederländische Retrospektive, die ab 29. November bis Mai nächsten Jahres im Bonnefanten Museum in Maastricht zu sehen ist. Das Bonnefanten zeigt Sarkissians umfangreiches Werk, von den früheren Arbeiten etwa ab der Jahrtausendwende bis zu den zwei neuen Arbeiten Last Scene (2021-2022) und Sweet and Sour (2022).

Eine schneebedeckte Landschaft, im Hintergrund ein eingeschneites Riesenrad, alles wirkt eisig, erstarrt, aber auch ruhig, sogar friedlich, wäre da nicht die ebenfalls verschneite Abschussrampe rechts im Bild, bei deren Anblick man fast den Knall hören kann, der die Ruhe zerstört. Sarkissian hat die Serie In Between (2006) in Armenien fotografiert. Es sind großformatige Aufnahmen, mit denen er sich auf die Suche nach seiner eigenen Identität macht. 1973 wurde er in Damaskus, Syrien, geboren als Enkel armenischer Genozidflüchtlinge. Die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit seiner eigenen Identität findet er im Außen, weil die heroischen Erzählungen der Diaspora-Armenier so gar nicht mit dem postsowjetischen Verfall im Land zusammenpassten. In späteren Arbeiten porträtiert er sich und seinen Vater (My Father & I), und auch in diesen Porträts sucht er nach den Brüchen in der (Familien-)geschichte.

Immer bauen sich Sarkissians Projekte, (Installationen, Skulpturen, Film und Fotos) aus persönlichen Erinnerungen oder der Geschichte auf, ihnen folgen oft lange Recherchen und Gespräche, bevor er aus ihnen Fotoserien destilliert.

Aus der Serie In Between (2006): Mit dieser großformatigen Arbeit geht Hrair Sarkissian auf Spurensuche in Armenien.
Aus der Serie In Between (2006): Mit dieser großformatigen Arbeit geht Hrair Sarkissian auf Spurensuche in Armenien. Foto: Bonnefanten Museum/Hrair Sarkissian

In der Serie „Execution Squares“ lichtet er öffentliche Plätze in drei syrischen Städten ab, Aleppo, Latakia und Damaskus, auf denen Kriminelle öffentlich hingerichtet werden. Die ruhigen Bilder, die in den frühen Morgenstunden zu den üblichen Hinrichtungszeiten aufgenommen wurden, zeigen das Paradox zwischen der Schönheit der Plätze und der Brutalität des Regimes, das hier Menschen ihr Leben nimmt.

So handelt Sarkissians Werk häufig von den Dingen, die man nicht sieht. Und er hat dabei die Intention, die Betrachter aufzurütteln und mit der Widersprüchlichkeit der Welt emotional zu berühren. Mit seiner analogen Großformatkamera hält er vorzugsweise Orte und architektonische Standorte fest, in denen keine menschlichen Figuren zu sehen sind. Wenn er jedoch Menschen ablichtet, dann stehen sie ganz im Fokus, dann spielt die Landschaft, die Politik oder ihre Lebensumstände keine Rolle, dann sind sie einfach Mensch.

Final Flight heißt diese Arbeit: Der Waldrappe ist einer der seltensten Vögel der Welt und gilt als alter Führer der Pilger nach Mekka. Die Arbeit besteht asu einem Foto der Knochen von einer kleinen Kolonie der Vögel, die zum Ausbruch des Kriegs in Syrien geschützt wurden. Zur Zeit der Zerstörung von Palmyra verschwand die Kolonie wieder.
Final Flight heißt diese Arbeit: Der Waldrappe ist einer der seltensten Vögel der Welt und gilt als alter Führer der Pilger nach Mekka. Die Arbeit besteht asu einem Foto der Knochen von einer kleinen Kolonie der Vögel, die zum Ausbruch des Kriegs in Syrien geschützt wurden. Zur Zeit der Zerstörung von Palmyra verschwand die Kolonie wieder. Foto: ZVA/Hrair Sarkissian

In der Serie Last Scene (2016) fotografierte er in kleinem Format Orte in den Niederlanden, die todkranke Patienten als ihren letzten Wunsch ausgewählt haben. Die Szenen wurden am selben Tag und zur selben Uhrzeit fotografiert, als der eigentliche Besuch im Jahr zuvor stattfand. Darunter ein Schwimmbad, das Meer, eine Kapelle und ein Kunstmuseum.

 Die Serie Background von 2012 hat Sarkissian aufgenommen, um Studiosituationen zu schaffen. Die Idee zu diesem Projekt entstand aus einem einzigen Foto eines schlichten grauen Hintergrunds, das er im Atelier seines Vaters in Damaskus aufnahm.
Die Serie Background von 2012 hat Sarkissian aufgenommen, um Studiosituationen zu schaffen. Die Idee zu diesem Projekt entstand aus einem einzigen Foto eines schlichten grauen Hintergrunds, das er im Atelier seines Vaters in Damaskus aufnahm. Foto: Bonnefanten Museum/Hrair Sarkissian

Für sein neuestes Werk Sweet and Sour (2022), das im Auftrag des Bonnefanten gefertigt wurde, machte sich der Künstler mehr als ein Jahrhundert später auf die Suche nach dem Haus seiner Ahnen in Ostanatolien, dem ehemaligen Westarmenien. Als er dort ankam, stellte sich heraus, dass alle Spuren der ursprünglichen Bevölkerung nach dem armenischen Genozid 1915 gelöscht wurden. Sarkissian konfrontiert seinen Vater mit einem Video des „Vaterlands“, einem Ort, den sein Vater nie in Wirklichkeit so sehen wird oder dorthin zurückkehren wird.

Der Vater spielt in Sarkassians Leben eine große Rolle, er hat ihn zur Fotografie inspiriert. Hrair Sarkassian erlernte den Beruf im Fotostudio seines Vaters in Damaskus „Dream Colour“, dem ersten Fotolabor in Syrien. Danach studierte er in Frankreich und den Niederlanden, wo er 2010 seinen Bachelor in Fotografie an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam errang. Heute lebt und arbeitet er in London. Er arbeitet auch jetzt noch hauptsächlich mit analoger Fotografie, was seinen Bildern eine sanftere, gesättigtere und zuweilen malerische Qualität verleiht.