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Aachen: Das Tohuwabohu ist bei den „Banditen“ Prinzip

Aachen : Das Tohuwabohu ist bei den „Banditen“ Prinzip

Natürlich wissen wir das nicht erst seit Offenbachs Operette: überall Banditen, die größten Schurken aber sind die da ganz oben. Sich diese Weisheiten über die Ordnung unserer Welt auf der Bühne anzuschauen, im Sog der Offenbach’schen Schnurre-Melodien, das ist dann aber doch ein spezieller Genuss.

Die Premierengäste verließen das Theater Aachen jedenfalls bestens gelaunt. Sie hatten ein Viertelstündchen ausgelassen geklatscht und auch einige Bravi gerufen. Schließlich ist ja wieder alles gut gegangen. Oder?

Den Held des Abends, Räuberhauptmann Falsacappa, befördert die turbulente Geschichte am Schluss statt in den Kerker zum Polizeiminister; die Diebes-Bande bildet die frisch ernannte Riege seiner Staatssekretäre. Damit scheint die öffentliche Ordnung im Staate Mantua zumindest in die Hände von Profis gelegt.

Fiorella, des Hauptmanns liebestolles Töchterlein, kriegt den knackigen Herzog, wenngleich im Schlussbild auch Herr Fragoletto an der kleinen Zirkusprinzessin herumknabbert. Da bleiben Fragen offen. Gleiches gilt für — das Loch. Das tut sich nämlich zur Verblüffung der heillos verstrickten Gesellschaft unmittelbar vor dem finalen Coup bühnenmittig auf, ist nicht bloß Ausweg für die Gefangenen im Keller, sondern auch Sinnbild für den Zustand der Staatsfinanzen. Ohwei.

Fest der Farben und Formen

Alexander von Pfeil inszeniert „Les Brigands“ flott und gefällig. So eine Operette muss leicht sein, was bei dieser besonders schwer ist. Immerhin sind allein 21 Solisten aufgeboten, Räuber, eine Abordnung aus Granada samt Prinzessin (Irina Popova), der Hofstaat in Mantua, diverse Freudenmädchen, Verbrechensopfer, die sich zu allem Überfluss auch noch ständig verkleiden. Tohuwabohu ist Prinzip — und will nachvollziehbar angerichtet werden.

Von Pfeil gelingt das ganz überwiegend, ja, all die vielen Randfiguren entwickeln ein sympathisches Eigenleben, das die Bühne zu jeder Zeit als ein in Bildern und Handlungen schwelgendes Panoptikum erscheinen lässt. Gerade auch der Opernchor (Einstudierung: Andreas Klippert) sprüht vor Freude, das Chaos vollkommen zu machen. Die treppenartige Hinterhof-Bühne von Piero Vinciguerra platzt bisweilen aus den Nähten, das Fest der Farben und Formen im zeitgenössischen Kostüm von Katharina Gault tut ein Übriges.

Offenbach hat seine letzte große Opera bouffe mit einer turbulent witzigen Musik ausgestattet. Im Graben übernimmt Kapellmeister Volker Hiemeyer die Verantwortung für die Produktion, er macht das zupackend und gibt dem Affen Zucker, ähnlich wie die Regie. Schon in der Ouvertüre bemüht er die berühmte „Barcarole“, die hier gar nicht hingehört. Später rast er öfter so vehement durchs Notengestrüpp, dass Chor oder Ensembles kaum noch hinterherkommen. Alles versprüht Temperament. Und wenn auf der Bühne die Trottel von Carabinieri umhertrampeln, haben Pauker und Schlagwerker alle Hände voll zu tun.

Bühnensprache ist deutsch, man singt französisch. Das ist hübsch wie Fiorella, die von Jelena Rakic bis in höchste (leicht klirrende) Höhen geführt wird. Die bestens aufgelegte Sopranistin wackelt reichlich mit dem Po und wirf sich jedem Mann an den Hals. Fragoletto ist so einer, Offenbach hat die Partie einer Operndiva auf den Leib komponiert, was sie zur Hosenrolle macht. Hier zeigt als Gast Joelle Charlier, wie wunderbar ein samtweicher, ungemein ausgeglichener Mezzo klingen kann. Sie erhält besonders heftigen Applaus. Groß kommt auch Tenor Patricio Arroyo heraus, der als Falsacappa namensgebend zu Beginn einen Auftritt unter falscher Kappe hat — als blinder Mönch. Er läuft stimmlich wie schauspielerisch zu Höchstform auf.

Erstaunlich an diesem Abend ist die Einsicht, was Bühnenpräsenz ausmacht. Denn unter all den Profi-Sängern haben sich zwei Schauspieler ins Ensemble gemischt: Björn Jacobsen als Herzog von Mantua, der vom ersten Hervorlugen hinter einer Aufzugtür die Damen mit der Ausstrahlung des blonden Beau kirre macht; und Rainer Krause, der als sein Schatzkanzler einen Monolog über Frauen und Schulden hält, dass es einen schüttelt vor Vergnügen. Die beiden singen auch. Grausig, aber mit so viel Emphase, dass sie die Kollegen schlicht weghauen.

Sicher, bei einem zweieinhalbstündigen Massenauftrieb auf der Bühne kann nicht alles gelingen. Gerade die grandiose Leistung des erweiterten Opernchores wirft einige Schatten. Doch von Pfeil und Hiemeyer gelingen wunderbare Szenen, die bestens unterhalten. Wenn die Idee auch arg strapaziert wird: Die Einblendung „Achten Sie bitte auf Ihre Wertsachen“ auf der Übertitelung gehört mit dazu.