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Aachen: Das Schlimmste wäre Gleichgültigkeit

Aachen : Das Schlimmste wäre Gleichgültigkeit

Die Frau ist hart im Nehmen und weicht keinen Millimeter von ihrer künstlerischen Überzeugung ab. Seit 1990 mischt Barbara Beyer die internationale Opernbühne so kontrovers auf wie seit dem jungen Neuenfels kein anderer.

Viermal führte sie in den letzten Jahren in Aachen Regie, ihre Deutung von Aubers Revolutionsoper „Die Stumme von Portici” führte zu einem Eklat, wie man ihn hier noch nicht erlebte.

Das Vertrauen von Generalintendant Paul Esterhazy in die künstlerische Potenz der Vollblut-Regisseurin geht so weit, dass er ihr sogar die szenische Leitung für die Neuinszenierung von Alban Bergs Geniestreich „Wozzeck” anvertraut, dem sensibelsten und qualitativ hochwertigsten Werk, dem sie sich bisher in Aachen widmete. Premierendatum: Samstag, 17. Januar, 19.30 Uhr im Theater Aachen.

Dass Frau Beyer ihr Publikum von Basel bis Hannover so provokant zu polarisieren vermag, könnte einerseits an ihrem freizügigen, entstellenden Umgang mit den Handlungen der Werke (so in der „Stummen von Portici” liegen, andererseits im bedenklichen Umgang mit der Musik, wenn etwa in einer lyrischen Arie in Händels „Xerxes” die parodistische Tanz-Einlage einer Putzfrau vom musikalischen Ausdruck ablenkt.

Frau Beyer sieht allerdings weder die Handlung der „Stummen” entstellt noch die Musik Händels karikiert. Gleichwohl bekennt sie: „Ich gehe weg von der Handlung und versuche sie zu unterlaufen!” Allerdings nur mit der Absicht, wesentliche Einblicke in das menschliche Geschehen zu vermitteln.

So sieht sie in Wozzeck, der geschundenen, von Vorgesetzten und der eigenen Frau gedemütigten Kreatur, weniger das beklagenswerte Opferlamm. Für Barbara Beyer sind alle Figuren vom Hauptmann bis zum Tambourmajor „arme Leut”, die wie Wozzeck um ihr Überleben kämpfen. Lediglich aufgrund seiner Sensibilität und seiner Unfähigkeit, die Realität zu verdrängen, hebt er sich aus dem Umfeld hervor und vermag sich so wenig zu steuern, dass seine Reaktionen im Mord eskalieren.

Die Beziehungen der Figuren erhalten so einen ungewohnten Anstrich, der Mitleidsbonus mit der geschundenen Kreatur wird reduziert, die Betroffenheit, so hofft Barbara Beyer, jedoch erhöht. Denn eines möchte Barbara Beyer auf jeden Fall vermeiden: „Gleichgültigkeit.”

Dafür nimmt sie auch in Kauf, dass ihr Konzept nicht in jedem Detail, in jeder Szene aufgeht, oder dass Diskrepanzen zur Musik entstehen. Reibungsflächen, die zu Missverständnissen und in krassen Fällen zu heftigen Protesten führen können.

Den Vorwurf, die Musik nicht ernst zu nehmen, lässt sie nicht gelten. Dafür fühlt sie sich trotz gelegentlicher Ausflüge ins Schauspielfach dem Musiktheater zu eng verbunden. Sonst hätte sie die Musikhochschule in Frankfurt auch nicht mit einem Lehrauftrag für szenischen Unterricht betraut. Und Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch, mit dem sie erstmalig zusammenarbeitet, ließe antimusikalische Entgleisungen wohl kaum zu.

Lassen wir uns überraschen von einer eigenwilligen Deutung des expressionistischen Meisterwerks, zu dem Lothar Baumgärtel die Bilder erstellt und der in Sachen moderne Musik erfahrene Bariton Johannes M. Kösters die Titelpartie singt.