Aachen: Das Schlachtfeld der Besiegten

Aachen: Das Schlachtfeld der Besiegten

Seit nahezu 47 Jahren fliegen hier die Fetzen, demonstrieren ein Mann und eine Frau, wie aus einer hoffnungsvoll geschlossenen Ehe ein Schlachtfeld der Gefühle wird, auf dem es nur Unterlegene, Wunden und Zerstörung gibt.

Mit der Uraufführung seines Stück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” 1962 am Broadway, das 1966 mit Elizabeth Taylor und Richard Burton grandios verfilmt wurde, erlange der Amerikaner Edward Albee seinen wichtigsten weltweiten Erfolg.

Für das Grenzlandtheater Aachen hat jetzt Harald Demmer die schlichte und zugleich höchst komplexe Geschichte einer Ehehölle inszeniert: Martha, Tochter des College-Präsidenten, und ihr Mann George, Dozent am Historischen Institut, kommen reichlich alkoholisiert von einem Hochschulfest nach Hause. In Marthas Augen ist der nicht gerade Karriere bewußte George ein erbärmlicher Versager. Streit liegt in der Luft.

Martha hat nun auch noch das junge Paar Nick, junger Biologieprofessor, und Honey, seine blonde „Püppchen”-Frau, eingeladen, um den Abend an der wohlgefüllten Bar daheim fortzusetzen - keine gute Idee...

Bühnenbildner Charles Copenhaver sorgte mit einer bedrängenden Kassettenwand aus hellem Holz, die - Dominosteinen ähnlich - von gestuften Reihen aus Leuchtquadraten durchzogen ist, für das unbehagliche Ambiente. Eine lange graue Couch, die sich je nach Situation in drei Elemente teilen lässt, ein Regal auf dem nagel-stachelige Kunstwerke den seelischen Prozess der Zerfleischung symbolisieren.

Heike M. Schmidt sorgte für das richtige Outfit der Gestalten vom sexy Abendkleid bis zum drögen Männerunterhemd. Ingeborg Meyer ist Martha - klug, scharfzüngig, hemmungslos, bei der sich unerfüllten Sehnsüchte und begrabene Hoffnungen in tiefste Verbitterung verwandelt haben. Sie spielt diese Rollen mit großer Kraft und vollem Einsatz, jede Geste sitzt, jeder Blick trifft, und man spürt in jedem Moment die große Verzweiflung dieser zermürbten Frauengestalt.

Als Ehemann George durchläuft Frank Voß eine überzeugende Wandlung vom (noch) beherrschten Objekt aller Vorwürfe zum Angreifer, der seinen eigenen Schmerz nicht mehr aushält.

Kichernde Honey

Matthias Brüggenolte lässt als karriere- und vermögenslüsterne Nick mit zunehmendem Alkohol die Maske des jung-zärtlichen Ehemanns und respektvollen Kollegen fallen. Zitternd macht er schließlich eine klägliche Figur, während Honey (sehr gut Marie-Theresa Lohr) kichern zur Brandyflasche, greift, ihr lilafarbenes Täschchen mit den Beruhigungspillen umklammert oder würgend ins Bad rennt.

Subtil hat Albee die Mosaiksteine der sich zum furiosen Psychocrash steigernden Handlung angelegt. Das verlangt neben emotionalen Vulkanausbrüchen eine sehr fein ziselierte, gefährlich funkelnde, stille, aber skalpellscharfe Dialogführung, die Regisseur Harald Demmer jedoch hier kaum pflegt. Von Anfang an geht es heftig und polternd zur Sache, Aktion ist angesagt.

Dabei bleibt auf der Strecke, was der Zuschauer in den vielschichtigen Charakteren entdecken könnte, was bis heute berührt und das Ausmaß der Tragödie skizziert. Wenn „die Fetzen fliegen”, bedeutet das nicht, dass man sich auf dem Boden wälzen muss, im Gegenteil. Der Beifall des Publikums galt besonders den Akteuren, die sich bewundernswert geschlagen haben.

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?”, Schauspiel von Edward Albee, Grenzlandtheater Aachen, Elisen-Galerie, bis 29. März, jeweils 20 Uhr, danach Aufführungen in der Region. Karten gibt es an der Theaterkasse in der Elisen-Galerie unter 0241/4746111.