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Lüttich: Das rohe Fleisch der Leidenschaft

Lüttich : Das rohe Fleisch der Leidenschaft

Opernintendant Stefano Mazzonis di Pralafera muss ein Handy mit hochinteressantem „Kontakte“-Ordner besitzen. Immer wieder gelingt es ihm, Sänger von Weltruf nach Lüttich zu holen. José Cura ist einer von ihnen. Der sich vom Startenor zum Bühnenallrounder fortentwickelnde Argentinier gastiert nun schon zum dritten Mal an der Opéra Royal de Wallonie.

Diesmal singt, spielt, inszeniert und bebühnenbildnert er „Cav & Pag“, das doppelte Lottchen des italienischen Opern-Verismos: Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ („Der Bajazzo“) von Ruggero Leoncavallo.

Nur das Dirigieren übernimmt vorerst noch ein anderer, Paolo Arrivabeni, und es sei einmal so euphorisch gesagt: Welch homogenen Klangkörper der Lütticher Musikdirektor aus dem Orchester formt, welche Leichtigkeit und doch Genauigkeit er erzielt, welche Emotionalität er ohne jede Effekthascherei beiden Kurzopern entlockt — das ist schon überragend.

José Cura geht anders vor. Nur zwei kurze Male reißt er sich die Bajazzo-Maske vom Gesicht, dann aber meint man, das rohe Fleisch der Leidenschaft zu erblicken. Alles ist unmittelbarer Ausdruck. Das Wilde, Maßlose, Aufgewühlte bleibt Curas ständiger Begleiter, auch im Zurückgenommenen, und so reicht dem bald 50-Jährigen oft nur ein vernichtender Blick, eine zärtliche Handbewegung, ein schroffes Sich-Abwenden, um mit den kleinen Gesten das große Drama um Liebe, Eifersucht, Ehebruch und Mord zu beschwören.

Gut besetztes Ensemble

Auch sängerisch zielt Cura auf das Existenzialistische, den Schrei. Umgeben von einem durchweg gut besetzten Sängerensemble (mit dickem Ausrufezeichen hinter dem jungen Bariton Elia Fabbian als Alfio) entfaltet sich schließlich im überwältigenden Forte des bekannten Ariosos „Ridi, Pagliaccio“ die unverwechselbare Qualität von Curas Stimme. Das An- und Ausschluchzen, das Schleifen der Töne: Was sonst unter Kitschverdacht steht, beweist jetzt die Sonderklasse eines Ausnahmesängers.

Szenisch verlegt Cura die Handlung kurz nach der Entstehungszeit der Opern in den Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf einer italienischen Piazza verschränkt er geschickt beide Werke zu einem opulenten Heimatepos, einer sizilianischen Kleinstadtsaga. „La commedia è finita!“, heißt es zum Schluss. Das begeistert applaudierende Lütticher Publikum wird den Abend wohl noch etwas länger im Gedächtnis behalten.