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Aachen: Das Mittel, die Realität beschreibbar zu machen

Aachen : Das Mittel, die Realität beschreibbar zu machen

Trocken? Nüchtern? Langweilig? Nein! Wer Wolfgang Dahmen gegenübersitzt, ihm zuhört, das Funkeln in seinen Augen sieht, wenn er sich zum Botschafter seiner Wissenschaft macht, kann kein solches Urteil lange aufrechterhalten.

Wolfgang Dahmen ist Professor für Mathematik, Hochschullehrer für einen Stoff, den nicht zu mögen, gesellschaftlich höchst anerkannt ist, wie Dahmen feststellt.

„Man fühlt sich in guter Gesellschaft, wenn man die Mathematik uncool findet, sie als Schreckgespenst sieht.” Zumindest in Deutschland. „Andere Gesellschaften gehen anders damit um.” Und sie haben Recht, findet Dahmen.

Muss er ja auch, mag man ihm unterstellen. Aber Dahmen fragt gar nicht, ob er muss. Der Professor möchte für Mathematik werben. Sicher wegen des Spaßes am Fach selber, vor allem aber, weil die Mathematik das Mittel ist, naturwissenschaftliche Phänomene und Geschehnisse beschreibbar zu machen. Die Mathematik als Sprache zu bezeichnen, gefällt dem Träger des Leibniz-Preises dennoch nicht. Lieber nennt er sie ein Interface, eine Schnittstelle, „in der ungeheuer viel passiert”. Und: Ihren Wert sieht er weit umfassender.

Wer mathematisch denken kann, könne auch jenseits mathematisch-naturwissenschaftlicher Fragen Muster erkennen, Systeme sehen und anwenden, zwischen Fakten und Annahmen unterscheiden. Mathematik als gesellschaftlicher Faktor? Für Dahmen ist das selbstverständlich - doch ein verkannter Faktor.

„Die Gesellschaft sucht immer den Weg, der mit dem geringsten Energie-Einsatz auskommt.” Wenn die Noten im Mathematik-Abitur zu schlecht ausfallen - „nicht nur durch Pannen bei der Aufgabenstellung bedingt” -, werde folglich nicht die Vorbereitung auf das Abitur verbessert, sondern der Anspruch heruntergefahren. „Am Ende zu Lasten aller, zu Lasten der gesamten Gesellschaft.”

Woher hat die Mathematik ihr gesellschaftliches Stigma? Sicher weil zu viele Lehrer mit zu wenig Enthusiasmus an deren Vermittlung gehen. „Eine Vermittlung, der es vielleicht oft am nötigen Tiefenverständnis mangelt”, das allein dem Schüler den Sinn der Anstrengung erschließen könne. So sagt Dahmen. Sicher aber auch, weil „die Mathematik keine Koexistenz von Standpunkten zulässt”. Sie kommt zu konkreten Aussagen, die nicht mehr zu diskutieren sind.

Ganz anders als viele Geisteswissenschaften, deren noch so plausibel erarbeiteten Aussagen doch immer Thesen bleiben. Wo etwas eindeutig richtig sein kann, wie in der Mathematik, kann es aber genauso eindeutig falsch sein. Versagensangst als eine Ursache fehlender Liebe zur Mathe.

„Und dabei lebt gerade eine technologisch orientierte Gesellschaft wie unsere von mathematischen Modellen.” Je realitätsnäher ein solches Modell ist, desto größere Anforderungen an die Mathematik stelle es, und desto schwieriger sei es umzusetzen, sagt der Forscher und Lehrer in Sachen Praktische Mathematik und erklärt, warum sein Vortrag, den er am Dienstag halten wird, von der Kunst der Abkürzungen handeln soll: „Die heutige Technologie lebt von Abkürzungen.”

Mit einem Beispiel, „das dem berühmten Mathematiker Carl Friedrich Gauß als Grundschüler zugeschrieben wird”, beschreibt er, wie die Mathematik abkürzt. Wolle man die Zahlen von 1 bis 100 addieren, könne man beginnen 1+1=2, 2+2=4, 4+3=7... ein langwieriges Unterfangen.

Doch wer erkannt habe, dass man eine solche Zahlenreihe mit selbem Ergebnis auch umdrehen kann, könne unter die Reihe 1+2+3+ ... +99+100 die Reihe 100+99+ ... +3+2+1 schreiben. Und schon zeige sich, dass die untereinander stehenden Zahlen addiert immer 101 ergeben, solche Zahlenpaare gibt es 100.

Also rechne der Mathematiker kurz 100x101 und teile das Ergebnis durch 2, denn gefragt war ja die Summe einer Zahlenreihe und nicht zweier. Eine kurze Formel statt einer aufwendigen Rechenreihe. Ein einfaches Beispiel, wie gesagt.

In der Realität seien die zu verkürzenden Aufgaben meist weit komplexer und mit ihnen auch der Weg zur Lösung. Und doch folge die Entwicklung mathematischer Modelle immer diesem Schema. Modelle, die eben meist keine Gedankenspiele seien, sondern äußerst praxisnah, keinesfalls nur technologisch und auf dem Weg zur konkreten Aussage in hohem Maße spannend. Ganz abgesehen davon, dass die Analyse mathematischer Fragen und die Entwicklung logischer Lösungen eben auch die gesellschaftliche Kompetenz schule.

Als Wolfgang Dahmen das noch einmal unterstreicht, funkeln seine Augen schon wieder.