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Aachen: Das Ludwig Forum wird politischer

Aachen : Das Ludwig Forum wird politischer

25 Jahre Ludwig Forum: Das Haus feiert sein Jubiläum mit zwei Ausstellungen. Eine davon wirft den Blick zurück auf die Geschichte des Forums, die eigentlich schon im Jahr 1968 mit der ersten Pop-Art-Präsentation Peter Ludwigs in Aachen begann. Das Jubiläum ist aber sicher auch ein Anlass, nach vorn zu schauen. Wir sprachen mit Andreas Beitin, der das Haus seit dem 1. Februar als Direktor leitet, über sein Konzept und seine Pläne.

Lange Zeit war unentschieden, ob das Ludwig Forum eher ein Museum oder eher ein Forum sein würde — wie sieht das Konzept der Zukunft aus?

Beitin: Für mich ist es ganz klar: Es wird weiterhin ein Museum und ein Forum sein. Zwei Eigenschaften, die sich nicht auszuschließen brauchen, ganz im Gegenteil! Natürlich ist mir in erster Linie eine gute museale Arbeit wichtig, wobei sich museal für viele heute vielleicht etwas antiquiert anhören mag. Ich möchte weiterhin ein hochqualitätvolles Programm anbieten mit faszinierenden Ausstellungen, die das Publikum begeistern. Allerdings wird es politischer ausgerichtet sein, wird gesellschaftspolitisch Position beziehen — und das so gut es geht unter Einbeziehung der Bestände der Sammlung.

Was soll das konkret bedeuten?

Beitin: Zunächst werden noch zwei Ausstellungen realisiert, die meine Vorgängerin Brigitte Franzen konzipiert hat: zum einen die Mies-van-der-Rohe-Ausstellung mit einem beeindruckenden Konvolut an Collagen aus dem New Yorker MoMA im Herbst dieses Jahres und im Sommer 2017 eine Ausstellung mit kubanischer Kunst aus der Sammlung Ludwig, die ich zusammen mit der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera kuratiere. Parallel dazu finden schon die ersten Ausstellungen aus meinem eigenen Programm statt: als Erstes im nächsten Jahr eine Ausstellung mit Computerkunst.

Sie wird einen Einblick in diesen speziellen Bereich aktuellster Kunst bieten und soll vor allem junge Leute ansprechen. Parallel dazu wird es eine Ausstellung mit Armin Linke geben, dem international bekannten und agierenden Fotografen und Videokünstler aus Berlin. Mit dem US-amerikanischen Künstler Erik Levine werde ich ebenfalls im Sommer nächsten Jahres seine erste europäische Video-Schau realisieren. Die erste große Themen-Ausstellung, die ich selber konzipiere, wird um den Themenkomplex „1968“ kreisen.

Was waren die Motivationen für dieses Thema?

Beitin: Wenn man in den letzten Wochen in die Zeitungen geschaut hat, dann wurde man geradezu bestärkt in der Einsicht, dass 1968 und überhaupt die sechziger Jahre lange nicht so präsent in den Medien waren wie aktuell. Da titelte beispielsweise die Süddeutsche Zeitung „Sieg der 68er“ aufgrund der Tatsache, dass in Baden-Württemberg die Grünen erneut den Ministerpräsidenten stellen und die CDU als Juniorpartei agiert. So etwas hätte man vor zehn Jahren niemals für möglich gehalten. Ein weiterer aktueller Zusammenhang ist, dass sich die AfD auf die Fahnen geschrieben hat, Deutschland in einen Zustand vor 1968 zu versetzen, also in die Zeit der Adenauer-Republik.

In diesem Kontext verstehe ich meine Ausstellung auch als ein politisches Statement gegen solche reaktionären Bestrebungen von rechtsaußen. Es werden also Fragestellungen behandelt, die uns heute alle angehen, vielleicht sogar mehr denn je. Aber um es deutlich zu sagen: Es wird in der Ausstellung natürlich um Kunst gehen, denn 1968 wurde zum ersten Mal die Sammlung Ludwig der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie feiert 2018 also ihren 50. Geburtstag.

Damit kommt Aachen ins Spiel . . .

Beitin: Ganz genau. Im Zusammenhang mit dem goldenen Jubiläum der Sammlung Ludwig möchte ich in dieser Schau nicht nur die Highlights der Sammlung zeigen, sondern auch auf die Erkenntnisse und Ergebnisse des Forschungsprojekts „Plattform Aachen“ zurückgreifen und sie präsentieren. Außerdem werden wir dazu mit dem Internationalen Zeitungsmuseum in Aachen kooperieren, weil mir der Schwerpunkt der Medien bei dem Thema „1968“ ganz wichtig ist: zum Beispiel, wie der Springer-Verlag und seine Presse die öffentliche Wahrnehmung und Meinungsbildung damals beeinflusst hat. Ebenso möchte ich auch das Centre Charlemagne für dieses Projekt ins Boot holen.

Was ist von Ihren Kuratorenkollegen zu erwarten?

Beitin: Ich habe die Kolleginnen und Kollegen eingeladen, Ideen zu entwickeln, die zu meinem Ausstellungsprogramm passen. Konkret heißt das zum Beispiel, dass es eine Ausstellung geben wird, in der es um das Recht am eigenen Bild geht. Dazu werden künstlerische Positionen gesammelt, die sich mit „Found Footage“ befassen, also mit vorgefunden, von anderen produzierten Bildern. Ein anderes Ausstellungsprojekt wird sich der politischen Kunst in Russland nach 1989 widmen.

Hierzu kann man einerseits an einzelne Werke in der Sammlung anknüpfen, andererseits aber auch das Spektrum des künstlerischen Aktivismus zeigen, das in Russland stark bekämpft, aber von Bedeutung ist. Ich würde auch sehr gerne zusammen mit dem ganzen Team eine Videoausstellung zum Thema Grenze machen — ebenfalls ein hochaktuelles Thema bei dem erstarkenden Nationalismus vieler Staaten. Dafür möchte ich das Ludwig Forum komplett verdunkeln, um die Projektionen besonders gut wirken zu lassen und dem Publikum das Haus mal ganz anders zu präsentieren und tolle Bilder zu generieren.

Ihr Ausstellungsprogramm sieht demnach so aus, dass die Impulse für Themen und Projekte nicht aus der Kunst selbst kommen, sondern eher von außen? Aus den Bereichen von Wissenschaft, Technik und vor allem Politik?

Beitin: Sowohl als auch. Natürlich möchte ich mit den Ausstellungen die Impulse aufnehmen, die aus der Gesellschaft, der Politik oder den Wissenschaften kommen und von vielen Künstlern aufgenommen werden. Die Kuba-Ausstellung im nächsten Jahr hat ja unversehens eine besondere Aktualität bekommen, obwohl sie schon vor drei Jahren konzipiert wurde. Aber natürlich ist mir auch das wichtig, was in der Kunst selbst verhandelt wird, die aktuellen innovativen Positionen.

Im Zentrum steht dabei ganz klar die kuratorisch-wissenschaftliche, mithin museale Arbeit, die Grundlage für Ausstellungen, vor allem für große Sonderausstellungen ist. Das schließt für mich auch nicht den Forumscharakter aus, ganz im Gegenteil. Das Forum bietet die ideale Plattform, die Themen der Ausstellungen mit Vorträgen, Diskussion und anderen Veranstaltungen zu begleiten.

In welcher Hinsicht und mit welchen Mitteln?

Beitin: Mir ist es besonders wichtig, das Ludwig Forum zu einem lebendigen und attraktiven Ort zu machen, an dem möglichst viele Leute aus allen Gesellschaftsschichten zusammenkommen, um sich Kunst auf internationalem Niveau anzusehen, um sich austauschen, um den Forumsgedanken auf vielfältige Weise zuleben. Es war damals sehr innovativ von Peter Ludwig, das Haus nicht Ludwig-Museum, sondern Ludwig Forum zu nennen.

Heute, mit den komplexen Problemlagen und Herausforderungen, die wir haben in der Welt, kann sich ein öffentliches Museum meines Erachtens nicht mehr allein darin gefallen, ein Ort der Kontemplation zu sein. Das soll natürlich nicht heißen, dass man sich in den Ausstellungen nicht auch an der Ästhetik, ja auch an der Schönheit der Kunstwerke erfreuen kann und soll. Ich bin aber an der Gratwanderung interessiert, Ästhetik mit relevanten Inhalten zu verbinden.

Das Haus braucht dringend mehr Publikum. Nun werden die Menschen täglich bombardiert mit politischen Diskussionen. Glauben Sie, man kommt Ihren Erwartungen entgegen, wenn sich die Besucher hier auch noch damit beschäftigen müssen, statt Fine Art zu genießen?

Beitin: Ich glaube, das Museum bietet die einzigartige Chance dieser Gratwanderung: dass man auf einer ganz anderen Ebene mit Themen konfrontiert wird, die man natürlich auch in der Zeitung, aus den Medien erfährt. Aber im Museum kann man die Menschen auf einer sublimierten, ästhetischen Ebene mit politischen und gesellschaftlich relevanten Themen konfrontieren und sie über die elementare Erfahrung mit der Kunst zum Nachdenken über andere Bereiche des Lebens zu bringen.

Mit dem Forumsgedanken war immer auch die Vorstellung verbunden, möglichst aktuelle zeitgenössische Positionen zupräsentieren. Wie wichtig ist das?

Beitin: Sehr wichtig. Hierzu mache ich die erwähnte Videoausstellung mit Erik Levine, bei dem es um das Verhältnis von Männlichkeit in der heutigen Gesellschaft geht. Und um Dinge und Fragen, die heute jenseits der öffentlichen Wahrnehmung stattfinden: von Altenheimen, in denen gestorben wird, und von Schlachthöfen — alles mit sehr ästhetischen Bildern.

Ein weiteres Projekt ist mit dem Berliner Künstlerpaar Wermke/Leinkauf verbunden, die Interventionen im Stadtraum vornehmen werden. Auch die kuratierenden Kollegen werden ausgewählte junge und vielversprechende Positionen zeigen. Darüber hinaus möchte ich das Haus auch für junges Design öffnen.

Wird das Ludwig Forum in Zukunft ein Alleinstellungsmerkmal haben?

Beitin: Davon bin ich überzeugt. Dieses Alleinstellungsmerkmal besteht in eben dieser Konstellation, über die wir gesprochen haben, diese Verbindung von musealem Raum und Veranstaltungssphäre in der die unterschiedlichsten Begegnungen stattfinden können. Es ist eine Sphäre der Erfahrungen, die dem Erkenntnisgewinn dienen kann, in der aber auch Emotionen geweckt werden können und man natürlich auch Spaß haben kann. Diese Spezifik in Kombination mit den wunderbaren Werken der Sammlung Ludwig, ist insofern hervorragend geeignet, dieses Alleinstellungsmerkmal weit über die Region hinaus einzulösen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ausstellungseröffnung: 25 Jahre Ludwig Forum