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Köln: Das Leben im Zeitraffer: Kölner Schauspiel zeigt „Le Bal”

Köln : Das Leben im Zeitraffer: Kölner Schauspiel zeigt „Le Bal”

Schaumige Spitzen spritzen unter den roten Röcken der Tänzerinnen hervor. In den Armen ihrer schwarz befrackten Partner sehen sie von Ferne aus wie ein Strauß blühender, roter Nelken.

Wir befinden uns in einem Ballhaus. An einem Ort, wo getanzt, aber auch geträumt wird, wo sich Menschen nach fest stehenden Regeln bewegen, um festzustellen, dass es im Leben keine Regeln gibt: Man wird geliebt und verlassen, man klammert sich aneinander und wird gewaltsam auseinander gerissen, man spürt die Anziehung des anderen und kann ihn doch nie erreichen.

„Le Bal” nach einer Idee des Théatre du Campagnol, tourte viele Jahre um die Welt, ehe Ettore Scola 1983 daraus einen wunderbaren Film machte.

Jetzt hat Regisseurin Ola Mafaalani „Le Bal” für das Kölner Schauspielhaus inszeniert. Das Stück hatte in der Halle Kalk Premiere.

Was auf der Leinwand in einem Pariser Tanzcafé zwischen 1936 bis 1984 spielt, ist auf der Bühne an einen namenlosen Ort in Deutschland zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart verlegt worden.

Hier wie dort spiegeln Tanz und Musik Geschichte in klassischer Anderthalb-Stunden-Filmlänge. Salsa, Walzer und Rock n Roll sind eben solche Zeitzeichen wie Schlager, Marlene-Dietrich-Lieder oder Blues-Balladen.

Vor einem Bretterzaun, bunt mit Graffitis bemalt, wie einst die Berliner Mauer, während eine Fackelschale, an einer Kette durch den Raum schwingend, die Zeit zerpendelt, erinnert sich ein alter Mann an sein Leben.

Seine Erinnerungen werden szenisch von neun Schauspielern umgesetzt, die in der Mitte der Halle auf Kinosesseln sitzen.

Immer wieder ziehen sie sich um. Sie wechseln die Identität mit den Kleidern, erfinden sich immer wieder neu. Mauerbau und Mondlandung passieren Revue, Babydoll und Bienenkorb-Frisuren, Apo und Aids. Immer schneller rast der Zeitraffer, das Ende gleicht einem Happening.

Unbeeindruckt von dem alten Mann, der schließlich geknickt, zerstört, mit hängenden Schultern vor dem Nichts steht, tanzen zwei Kinder, ein kleiner Junge und ein etwas älteres Mädchen, miteinander. „Le Bal” beginnt von Neuem.

Das bunte, fast durchweg unterhaltsame, aber nicht oberflächliche Stück zu besuchen, könnte den Geschichtsunterricht für Oberstufenschüler bedeutend interessanter machen.