Köln: Das Kölner Kolumba: „Ein Museum gegen die Hektik der Zeit“

Köln: Das Kölner Kolumba: „Ein Museum gegen die Hektik der Zeit“

Die schwere Tür aus Edelstahl öffnet sich und gibt den Blick frei auf ein völlig überraschendes, atemberaubendes Panorama. Mitten in einem riesigen fensterlosen Raum, unter einer von schmalen Säulen getragenen Betondecke: eine achteckige Kapelle, umgeben von freigelegten antiken Gewölben am Boden.

Ein Holzsteg mit Geländer führt daran vorbei. Vergangenheit, Geschichte und Gegenwart — Ausgrabungen aus der Römerzeit, Ruinen der im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zerstörten Pfarrkirche Sankt Kolumba, die von Gottfried Böhm entworfene und an dieser Stelle 1949 errichtete Marienkapelle und der umschließende Museumsneubau des Architekten Peter Zumthor von 2007 — das alles findet sich hier auf einzigartige Weise vereint, im Herzstück des Kölner Kolumba.

Die deutsche Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes (AICA) hatte das Kunstmuseum des Erzbistums Köln im vergangenen November zum Museum des Jahres gewählt. Die Preisverleihung fand kürzlich feierlich im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung statt.

Der Besuch dieses Museums lohnt sich unbedingt! „Wir erfahren eine weltweite Aufmerksamkeit“, sagt der Leiter, Stefan Kraus — neben Ulrike Surmann, Marc Steinmann und Barbara von Flüe einer der vier Kuratoren der jährlichen Sonderausstellung. Das Konzept, die Architektur und die Geschichte des Orts gewähren dem Museum ein Alleinstellungsmerkmal, das man buchstäblich „erlebt“ haben muss.

Erhabene Atmosphäre

All das, was bei einem modernen Museum heutzutage so vermeintlich unverzichtbar scheint, das wurde hier einfach weggelassen. Statt aufwendiger Lichtinszenierung: überwiegend Tageslicht. Keine Beschriftung, keine Ausstellungsarchitektur, keine Cafeteria, erst recht kein Shop, während der Öffnungszeiten keinerlei störende Führung, ein Ticket, das den ganzen Tag gilt, ein Kurzführer. Und 22 Säle, die eine erhabene Atmosphäre der Leere und Stille atmen, mit fantastischen Ausblicken durch raumhohe Panoramafenster. Kunst hat hier so viel Raum wie wohl sonst nirgendwo. Die Kabinette überwältigen mit ihrer Höhe. „Wenn hier Chöre bei einer Führung zu Gast sind, dann beginnen die häufig zu singen“, erzählt Kraus. „Man will einfach wissen, wie das hier klingt.“

„Das Kolumba Museum zielt auf Wahrnehmung und Beschaulichkeit“, befand die vereinte Kritikerschaft. „Alles ist auf die Erziehung zur Langsamkeit des Sehens ausgerichtet — wahrlich ein Museum gegen die Hektik der Zeit.“
17 lange Jahre, vom ersten Entschluss, einen Neubau des alten, 1853 gegründeten Diözesanmuseums zu errichten, bis zur Einweihung 2007 entwickelte das Kuratorenteam, damals noch unter der Leitung von Joachim M. Plotzek, nicht nur ein neues Konzept.

Es plante zusammen mit dem Schweizer Architekten Peter Zumthor, der 1997 den Wettbewerb gewann, darüber hinaus jedes noch so kleine Detail: das zurückhaltende Grau der Wände, den matt glänzenden Boden, den Lichteinfall, drei Typen von Vitrinen. „Sie sollen wie Möbelstücke wirken“, erklärt Stefan Kraus. „Man soll sich vorstellen können, so etwas auch bei sich zu Hause haben zu können.“ Der Leseraum ist vom Boden bis zur Decke mit eben dem gemaserten Holz der Vitrinensockel getäfelt — der schwindelerregende Blick durchs Riesenfenster trifft auf das Kölner Panorama. Kraus: „Jeder ist eingeladen, sich hier auszuruhen.“

1600 Quadratmeter Ausstellungsfläche befinden sich exakt auf dem Grundriss von Sankt Kolumba, ummauert von einem ganz speziell entwickelten, individuellen Ziegel. Ein stiller Hof über dem ehemaligen Friedhof aus dem Mittelalter lädt zum Verweilen ein. Und auf den Treppen zum ersten und zweiten Obergeschoss fühlt man sich wie im Inneren einer Pyramide.

Jedes Jahr zum 15. September wechselt bis auf ganz wenige dauerhaft gehängte Objekte komplett die Ausstellung. „Zeigen, verhüllen, verbergen. Schrein. Eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren“ lautet das aktuelle Thema. Motiviert ist es durch das 850-jährige Jubiläum der Überführung der Gebeine der Heiligen Drei Könige von Mailand nach Köln im Jahr 1164. „Erst die Verhüllung lenkt den Blick auf das Verborgene“, sagt Stefan Kraus und setzt bei der Schau zu Beginn auf die alltägliche Erfahrung des Besuchers und kommt damit nicht etwa mit einem theologischen Ansatz daher.

„Auch derjenige, der mit Religion eigentlich nichts mehr am Hut hat, soll sich mit den Themen auseinandersetzen können.“ Und: „Ein Museum muss nicht immer ein Ort der Information sein, sondern kann auch ein Erleben ermöglichen. Man kann sich einfach an schönen Dingen erfreuen“, sagt der Museumsleiter. „Meine Grundüberzeugung ist, dass Kunst etwas sehr Lebendiges ist.“

Gleich im Foyer leitet ein Objekt von Felix Droese das Thema „Schrein“ ein: ein stählerner, ziemlich verrosteter Safe, offensichtlich geplündert. „Um diese Frage geht es unter anderem: Was ist für uns wertvoll, dass wir es verwahren?“ Vor allem: worin eigentlich? Da kommen zunächst einschlägige Kisten und Kästen ins Spiel — beginnend bei Nähkästchen, versenkbaren Fernsehern, einer Kofferschreibmaschine, Holzkassetten oder Mikroskopkästen. Kurz: das ganz gemeine Phänomen des Bewahrens im Sammelsurium des Alltags.

Ein anderer Aspekt des Themas: die Nacktheit. Dabei korrespondiert ein wunderbares mittelalterliches Alabasterrelief, das Adam und Eva darstellt, wie sie sich vor Gott im Gebüsch verbergen, mit einer hundertteiligen Radierungsserie des documenta-Teilnehmers Gerhard Altenbourg (1926-1989). „Kleidung sichert uns Schutz und Privatsphäre“ erklärt der Kurator. Altenbourg dekliniert das Thema in seinen Bildern als das Verhältnis des Menschen zu seiner Körperlichkeit: „Das sind durchaus erotische Darstellungen, aber niemals voyeuristisch oder bloßstellend.“

„Katholisch“ ist das Kolumba Museum jedenfalls nicht, auch wenn der Höhepunkt der Ausstellung tatsächlich am Ende mit einem ganz besonderen Reliquiar erreicht wird: dem Schrein des 1183 heiliggesprochenen Kölner Erzbischofs Anno, eines der bedeutendsten Werke mittelalterlicher Goldschmiedekunst überhaupt — nach mindestens 25 Jahren erstmals wieder ausgeliehen aus der Kirche der Abtei St. Michael in Siegburg. Im Übrigen die einzige Leihgabe der Schau, alle anderen Exponate stammen aus der hauseigenen Sammlung, die Objekte vom ersten Jahrhundert n. Chr. bis zum 21. Jahrhundert umfasst.

Aber selbst beim Anno-Schrein wird der Bogen wieder zur zeitgenössischen Kunst geschlagen. Im gleichen Raum gegenübergestellt: vier Gemälde der kalifornischen Künstlerin Max Cole, geboren 1937. Ihre Bilder stellen nichts anderes dar als horizontale, vibrierend wirkende Schichten von Linien. Auch an dieser Stelle muss man wieder „um die Ecke denken“ und sich animieren lassen, um den Zusammenhang zu erkennen.

Der überaus plastische Anno-Schrein mit seinen goldenen, feinziselierten Figuren und die schwarzweißen Streifen von Max Cole: „Gemeinsam ist das Streben nach einer harmonischen Ordnung“, erklärt Kraus. „Der Ordnungsgedanken der Romanik mit seiner göttlichen Harmonie findet eine Entsprechung in der zeitgenössischen Kunst.“ Ein Pendant hat gegenüber in Saal 14 seinen dauerhaften, festen Platz: ein mittelalterliches Elfenbein-Kruzifix. „Das ist gewissermaßen der Hausherr“, sagt Kraus. Wenn auch jede Ausstellung das Haus immer wieder neu und spannungsreich definiert: Hier findet der Besucher noch stets einen Fixpunkt.

„Künstler sind Existenzforscher“

„Dies ist ein lebendiges Haus. Jedes Jahr ändert sich der Charakter der Räume. Dazu brauchen wir keine Events, um noch hipper zu werden“, meint der Museumsdirektor. Dabei kann und will man nicht etwa mit dem Museum Ludwig oder dem Wallraf-Richartz-Museum konkurrieren, stattdessen aber auf erfindungsreiche Weise ein ganz besonderes ästhetisches Erleben ermöglichen — und das zu Themen, die auch wehtun können, die gerne verdrängt werden. „Künstler sind Existenzforscher.“

Keine Frage: Über die Anerkennung durch die Kunstkritik, diesen höchsten Preis, freut sich das Kuratorenteam sehr. Kraus: „Das ist für uns Motivation.“

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