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Das Kino siegt über die Realität

Das Kino siegt über die Realität

Aachen. Dass ein Anschlag Hitler und die ganze Nazi-Führungsbagage hingerafft hat, ist ein Märchen. Dass der Österreicher Christoph Waltz in seiner Rolle als raffinierter Nazi-Offizier dem Weltstar Brad Pitt in Cannes den Rang ablief, ein anderes.

Wobei das erste nur in Quentin Tarantinos neuestem Film „Inglourious Basterds” passiert, letztere aber im Mai dieses Jahres wahr wurde. „Inglourious Basterds” ist ein Märchen vom Zweiten Weltkrieg, das gut ausgeht, aber trotzdem keine Moral hat.

In Frankreich sucht der berüchtigte Juden-Jäger und Nazi-Offizier Hans Landa (Christoph Waltz) auf dem Land versteckte Flüchtlinge. In einem schier endlosen und nicht nur für den erwischten Bauern schweißtreibenden Rededuell erzwingt Landa nicht mit Gewalt, sondern mit eiskalter Psychologie die Preisgabe des geheimen Verstecks.

Die Flüchtlinge werden sofort niedergemäht, nur Shosanna Dreyfus (Melanie Laurent) kann entkommen. Jahre später leitet sie unter neuem Namen ein Kino in Paris, in dem ausgerechnet die Heldengeschichte des deutschen Soldaten Frederick Zoller (Daniel Brühl) in ihrem Theater unter Anwesenheit von Hitler, Goebbels und dem Mörder ihrer Eltern uraufgeführt werden soll.

Die Zeit der Rache ist gekommen! Das denkt auch die berüchtigte, „Bastards” genannte jüdische Kampf-Truppe des amerikanischen Leutnants Aldo Raine (Brad Pitt), der hinter der Front unter den deutschen Soldaten für Schrecken sorgt, indem er sie reihenweise skalpiert oder ihnen mit dem Jagdmesser ein Hakenkreuz in die Stirn schneidet. Doch vor allem plant Raine ein Bombenattentat während der Vorführung.

Tarantinos Kriegsmärchen ist im Kern eine Hommage an Kriegsfilme wie „Das dreckige Dutzend” oder „Ein Haufen verwegener Hunde”, für die das amerikanische Kinowunderkind schon immer schwärmte, und an den Spaghettiwestern, zwischendurch aber auch immer wieder eine Ehrerbietung für das europäische Kino.

Dass die recht begrenzte Handlung dabei für fast zweieinhalb Stunden Film reicht, liegt an einer weiteren Begeisterung Tarantinos: die für endlos lange Dialog-Duelle. Das Können des Regiestars kann auf diese Elemente reduziert werden: das Zitieren, das Quatschen und nicht zu vergessen die „mexican situation”, die ausweglose, waffenstarrende Duellsituation. Das ist nicht viel, aber mit diesem begrenzten Vorrat inszeniert er gekonnt.

So kann „Inglourious Basterds” durchaus packen und unterhalten. Nicht zuletzt durch exzellente Schauspieler. Hier zahlt es sich auch aus, dass die amerikanische Produktion mit viel deutschen und auch staatlichen Produktionsmitteln unterstützt wurde.

Das deutsche Publikum bekommt etwas für seine Steuereuros: Til Schweiger schweigt oder tobt stereotypisch. Diane Krüger als Filmdiva Bridget von Hammersmark chargiert wieder zu übertrieben und wirkt eher peinlich als passend. Viel besser treten Daniel Brühl als naiver Kriegs- und Kinoheld Zoller sowie August Diehl als äußerst scharf denkender Gestapomann auf. Waltz spielt den Nazi-Offizier großartig verschlagen und spleenig. Er hat tatsächlich eine größere Show als Brad Pitt.

Ein bitterer Beigeschmack bleibt allerdings bei all der Kriegs-Unterhaltung: Tarantino erzählt völlig ohne moralische Bedenken. Seine Nazijäger agieren ebenso menschenverachtend wie die Nazis. Das passiert wahrscheinlich einem, der nur in Schwarz-Weiß-Kategorien sieht.

„Inglourious Basterds”, USA, BRD 2009, Regie: Quentin Tarantino, mit Christoph Waltz, Brad Pitt, Mélanie Laurent, Diane Krüger, Daniel Brühl, 154 Min., FSK: ab 16 (Aachen: Cineplex, Originalversion im Capitol; Alsdorf: Cinetower; Düren: Comet; Erkelenz: Gloria)