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Aachen: „Das ist eine kulturpolitische Groteske”

Aachen : „Das ist eine kulturpolitische Groteske”

Ingrid und Hugo Jung sind betroffen, traurig und sogar ein wenig verblüfft, denn diese für sie völlig überraschende Entwicklung empfinden sie als Riss in einer jahrzehntelangen Beziehung zwischen Sammlern und Stadt Aachen, bei dem es kaum noch Aussicht auf Überbrückung gibt.

Der erste „runde Tisch” zum Thema der Museumslandschaft Aachen erzielte ein für sie unfassliches Ergebnis: „Ein glatter Rauswurf, es ist sogar mehr. Wir haben den Eindruck, die moderne Kunst soll aus Aachen vertrieben werden.”

Das Gespräch

Die Ergebnisse dieses „Klausurgesprächs”, zu dem Kulturauschussvorsitzende Marghrete Schmeer Oberbürgermeister Jürgen Linden als amtierenden Kulturdezernenten, die Kultursprecher der Ratsfraktionen sowie die Aachener Kunstsammlern Hugo Jung, Axel Hinrich Murken und Wilhelm Schürmann, die Vorsitzenden der „Freunde” Hans-Josef Thouet und Joachim Plum und die Museumsdirektoren Peter van den Brink (Suermondt-Ludwig-Museum) und Harald Kunde (Ludwig Forum) eingeladen hatte, sind inzwischen bekannt (wir berichteten).

Einer der Punkte - neben der „Umwidmung” der großen Ausstellungshalle zum Raum für Kasse, Shop und Restaurierungswerkstatt: Mit dem Beschluss Peter van den Brinks, keine Kunst mehr zu präsentieren, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde, weist man auch dem Sammler Ehepaar Hugo und Ingrid Jung die Tür des Hauses an der Wilhelmstraße und verweist sie an das Ludwig Forum als ausschließlichem Ort für die Moderne.

„Wir haben uns niemals aufgedrängt, im Gegenteil”, erinnert sich Jung. „Vom damaligen Museumsdirektor Ernst Günther Grimme wurden wir gefragt, ob wir mit unserer Sammlung einziehen möchten.”

Das war 1979, zwei Jahre später schließlich gab es einen ersten Vertrag mit der Stadt, der in den folgenden Jahrzehnten laufend erneuert wurde.” Bereits im Vorfeld zum „runden Tisch” hat sich bei den Sammlern ein ungutes Gefühl eingestellt.

„Es ist doch seltsam, wenn die Thematik sich von ,Probleme der Museen mit den Sammlern über ,Das Umfeld der Museen und die Sammlungen” bis zum verharmlosenden ,Programm und Zukunft der Aachener Museen wandelt”, beschreibt Jung die Inhalte seiner Korrespondenz mit Marghrete Schmeer, der Kulturausschussvorsitzenden und „Moderatorin” bei Vorstellung der Ergebnisse.

„Wir waren letztlich nur eingeladen, damit man uns die beschlossene Mitteilung machen konnte, dass Sammler moderner Kunst aus dem Suermondt-Ludwig-Museum auszuziehen haben.”

Doch Jungs Enttäuschung und Ärger gründet zusätzlich auf einer persönlichen Irritation: „Am 9. August 2004 hatte ich einen Gesprächstermin bei Oberbürgermeister Linden.

Dabei hat er auf meine Frage des Fortbestandes unseres Leihvertrages für die Sammlung im Suermondt-Ludwig-Museum, der ein Jahr zuvor zwischen ihm und mir verlängert wurde, eine weitere Bestätigung gegeben. Für uns ist es nicht akzeptabel, dass der Oberbürgermeister jetzt von uns verlangt, unsere Sammlung in ein Haus zu geben, das von ihm in diesem Gespräch als ,fehlbesetzt bezeichnet wurde.”

Die Benennung des neuen Direktors für das Suermondt-Ludwig-Museum sei damals schon bekannt gewesen. „Es war jedoch nicht die Rede davon, dass für unsere Sammlung Änderungen entstehen könnten.”

Was den Sammler gleichfalls stutzen lässt: „Im Kulturausschuss wurde nie entschieden, dass die moderne Kunst in das Ludwig Forum verlagert werden soll. Ich konnte die Protokolle daraufhin überprüfen lassen. Wir empfinden das als kulturpolitische Groteske.”

Auf dem Hintergrund dieser Entwicklungen wirkt ein ganz anderes Projekt der Stadt für Jung geradezu provozierend: die Einrichtung des „Bauhauses Europa” als Forum und Dokumentationszentrum am Katschhof/Ecke Ritter-Chorusstraße, wobei die Stawag als Bauherr fungieren soll.

„In Anbetracht der vielen, besonders durch Geldmangel bestehenden Probleme der beiden Museen ist es für mich unverständlich, dass man hier ein neues Risiko eingehen will, zudem es noch gar kein Konzept gibt.”

Warum man das Ludwig Forum als zukünftiges „Heim” der Sammlung ablehnt? Jung: „Das Haus hat viele Mängel. Sogar Peter van den Brink spricht von fehlender Klimatisierung und Raumgestaltung.”

Jung rege persönlich an, den „Gemischtwarenladen” Ludwig Forum, wo sich die verschiedensten Veranstaltungstypen überlagerten, gleichfalls „strukturierend” zu sanieren.

„Bei der Diskussion am runden Tisch wurden wir als Sammler kaum einbezogen. Auf mein Statement, dass das Suermondt-Ludwig-Museum an Attraktivität verlieren wird, hat der Oberbürgermeister, der immer wieder ,starke Museen gefordert hat, jedenfalls nicht reagiert.”

Eine Stellungnahme von Oberbürgermeister Jürgen Linden zu dieser Thematik konnte unsere Zeitung am Mittwoch nicht erhalten, da Linden im Urlaub und nicht erreichbar ist.