Aachen: Das Grauen der Erinnerung

Aachen: Das Grauen der Erinnerung

Es war nicht sonderlich kalt an diesem Abend im Aachener Dom, und doch wird so mancher Zuhörer im Oktogon gefröstelt haben. Denn Herta Müller las aus ihrem Roman „Atemschaukel”.

Ein poetisch aufgeladener Bericht über das Grauen, das Rumäniendeutsche aus Siebenbürgen unter Stalin in Konzentrationslagern erleben mussten. Erschienen 2009 - dem Jahr, in dem Müller überraschend mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Ein Werk von großer Sprachkraft und -intensität, dessen Bilder sich vor allem dann im Kopf festsetzen, wenn die Autorin die „poetische Schutzschicht”, wie es eine Rezensentin einmal geschrieben hat, abkratzt und die pure Lakonie in dem Text durchblitzt. Präzise Erinnerung, literarische Verfremdung und Schönheit der Sprache gehen dann eine in der deutschen Literatur derzeit wohl einzigartige Mischung ein.

Geschrieben gegen das Vergessen und Verdrängen: So hatte es Prof. Bernhard Vogel, Ministerpräsident a.D. und Ehrenvorsitzender der Adenauer-Stiftung, in seiner eher biografischen denn literaturwissenschaftlichen Einführung formuliert. Müllers Roman „zwischen Todesangst und Lebenswillen” sei nicht zuletzt Ermahnung, nicht zu vergessen, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit sei, sagte der Ex-Politiker. Das weiß wohl niemand besser als Müller selbst, deren Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg in ein sowjetisches Lager deportiert worden war.

Die Autorin selbst vermied in Aachen jedes erläuternde Wort - volle Konzentration auf die Literatur. Sie las mit klarer, routinierter Stimme und mit dem harten Akzent der Banat-Deutschen drei Kapitel, und man hatte den Eindruck, dass der schmächtigen Autorin danach der Applaus des zutiefst beeindruckten Publikums fast unangenehm war.

Der Abend auf Einladung der europäischen Stiftung für den Aachener Dom wurde musikalisch von Musikern der Jungen Philharmonie Köln gestaltet. Der Reinerlös kommt wie bei den drei vorherigen Auflagen der „Literatur zur Nacht” dem Erhalt des Doms zugute.

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