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Lüttich: Das Ende einer Epoche naht

Lüttich : Das Ende einer Epoche naht

Am Ende ist Schluss mit lustig: Bilder aus den Schützengräben des Ersten Weltkrieges flimmern über die Bühne. Dazu erklingt „Tutto nel mondo è burla” aus dem „Falstaff”-Finale. Der fast 80-jährige Verdi verabschiedete sich 1893 so vom Theater: „Die ganze Welt ist verrückt.”

In Stefano Podas Lütticher Inszenierung bezeichnen diese letzten Worte Verdis auf der Opernbühne einen historischen Schock. Sie markieren den Einbruch der Moderne. Die Späße der Verrückten, die mit dem herannahenden 20. Jahrhundert die Bühne der Geschichte betreten, sind alles andere als zum Lachen.

Tempel gebau

Vorbei ist es mit der feudalen Welt des Ritters Sir John Falstaff, dem gründlich zurechtgestutzten Außenseiter in einer bürgerlichen Umgebung. Die Oper vom sich durchschnorrenden Fettsack und Lebemann inszeniert Poda im Gedenken an eine untergegangene Epoche.

Einen Tempel hat er dafür aufgebaut, an dessen Wänden weißgetünchtes Stroh klebt - immerhin basiert der Feudalismus auf bäuerlicher Produktion. Junge Männer tragen Falstaff auf einem Altar herein und formieren sich zu klassizistischen Bildmotiven. Ihre Hüte halten sie wie Blashörner in der Hand und bilden um den Säufer Falstaff einen barocken römischen Brunnen. Später werden sie wie Putten hinter einem großen Strahlenkranz aus Stroh hervorschauen. Dann verfinstert sich das Geschehen. Die ganz in Weiß gehaltene Feier in der Kirche des Strohs mutiert unversehenes zur Schwarzen Messe.

Musikalisch bietet Lüttich unter Chefdirigent Paolo Arrivabeni Erstklassiges. Luca Salsi ist ein stimmgewaltiger, markant-scharfer Ford, Virginia Tola eine souverän strahlende Alice, Tiberius Simu ein auffallend klangschöner Fenton.

Überragt aber wird das ausgezeichnete Ensemble von Ruggero Raimondi in der Titelpartie. Verschleißerscheinungen sind in der Stimme des 68-jährigen Weltstars nicht auszumachen. Wie ein Naturereignis durchdringt sein satter Bariton den Zuschauerraum. Raimondi als Falstaff ist ein echter Glücksfall - auch darstellerisch. Hier streichelt niemand seinen ausgestopften Wanst, so weit die Hände reichen. Etwas windschief in einer Reiterhose hängend, stakst Raimondi über die Bühne. Seine Gesten wirken auch im Pathos beiläufig, fast fahrig. Bei all seiner enormen sängerischen Kraft: Raimondi trifft den schmerzvollen Ton der Komposition. Er zeigt Falstaff als traurigen Clown, der um das Vergebliche seines Tuns schon weiß.

Mit „Falstaff” landet die Oper Lüttich einen umjubelten großen Wurf. Auch das Theater Aachen wird demnächst einen „Falstaff” herausbringen. Premiere ist am 5. Dezember. Ein Vergleich der beiden Produktionen dürfte lohnen.

„Falstaff” von Giuseppe Verdi ist noch heute, am 22., 25., 29. November sowie am 1. Dezember (jeweils 20 Uhr) im Theaterzelt, dem Palais Opéra de Liège, am Espace Bavière (Eingang Boulevard de la Constitution) zu sehen, das wegen Renovierungsarbeiten als Ersatzspielstätte für das Lütticher Opernhaus dient. Karten und Infos unter 0032/4/2214722.