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Das Altern lässt sich nicht aufhalten

Das Altern lässt sich nicht aufhalten

Aachen (an-o) Das Leben währet siebzig, und wenn es hoch kommt achtzig Jahr... Auch fromme Menschen freuen sich, dass die Bibel in dieser Hinsicht nicht Recht behalten hat. Nun warnen Wissenschaftler davor, das Altern mit Pillen aufschieben zu wollen.

Ernährung, Hygiene und medizinischer Fortschritt lassen immer mehr Menschen, jedenfalls in den reichen Teilen der Welt, noch einige Jahre dranhängen. Diese möglichst beschwerdearm zu erleben, hilft wiederum die Medizin. Kann sie nicht helfen, ist die Frustration allerdings entsprechend groß.

Mit der höheren Lebenserwartung steigt aber offensichtlich auch der Wunsch, das Altern an sich hinauszuschieben, körperlich tatsächlich jung und fit zu bleiben. Apotheken, Fitnessstudios und Internet sind voller Angebote, die mehr oder weniger versprechen, die natürliche Alterung über Jahre aufzuhalten.

Ein Milliarden-Markt

Vitamine, Hormonpräparate, Zellverjüngungskuren: Der "anti-aging"-Boom ist ein Milliarden-Markt. Was immer die angepriesenen Mittel und Kuren bewirken, und im besseren Falle wenigstens nicht schaden: Den biologischen Alterungsprozess halten sie nicht auf. Es gibt dutzende bis hunderte Theorien darüber, wie Lebewesen altern.

Doch die Wissenschaft ist wahrscheinlich noch Jahrzehnte davon entfernt, die komplexen Abläufe insgesamt zu verstehen, die das Sterben unausweichlich machen. Sicher ist, was man schon lange weiß: dass das Leben selbst sozusagen den Keim seiner Vernichtung in sich trägt. Die gleichen Prozesse, die das Wachstum fördern, töten es auch.

Evolution an Fortpflanzung orientiert

Natürlich wird nach genetischen Ursachen geforscht, die das Altern bedingen. Ein solches Programm wurde aber noch nicht gefunden, und es ist auch kaum zu erwarten. Mit Sicherheit gibt es keine Gene, die speziell für die Lebensdauer verantwortlich sind. Die Evolution ist an Fortpflanzung orientiert; was nach der fruchtbaren Lebenszeit passiert, interessiert die Gene sozusagen nicht.

Mit den so genannten "Verschleißtheorien" hingegen kommt die Wissenschaft dem ziemlich nahe, was ohnedies jeder spürt: Nach und nach lässt alles nach. Man kann altern biologisch-medizinisch so verstehen, dass die lebenserhaltenen Substanzen (wie etwa Eiweiße) mehr und mehr geschädigt werden und der Organismus insgesamt diese Schäden mit zunehmender Lebensdauer nicht mehr ausgleichen kann und immer mehr körperliche Funktionen störanfällig sind.

Freie Radikale

In der Tat haben sehr wahrscheinlich die in den letzten Jahren durch die "anti-aging"-Werbung und den Sport berühmt gewordenen "Freien Radikalen" einen großen Anteil an diesen Schäden. Das sind einzelne Sauerstoffatome, die bei jeder Atmung entstehen und auch bei der Immunabwehr unverzichtbar sind. Nehmen sie überhand, zerstören sie auf Dauer die Zellatmung und damit das Leben.

Manche Vitamin- und andere Mittel versprechen, die freien Radikalen "einzufangen", was wissenschaftlich ebenso zweifelhaft und umstritten ist wie Hormongaben etwa nach den Wechseljahren. Als theoretisch tauglich, aber praktisch nicht empfehlenswert, gilt eine seit siebzig Jahren (in Tierversuchen getestete) Methode zur "gesunden" Lebensverlängerung: Ein Drittel weniger Kalorien weniger zu sich zu nehmen, als das Hungergefühl gebietet.

Die Warnung

Die Verheißungen der "anti-aging"-Industrie haben jetzt in den USA 51 als renommiert geltende Altersforscher auf den Plan gerufen, "die Wahrheit über menschliches Altern" im Internet zu verbreiten und vor den möglichen Gefahren von Mitteln und Kuren gegen das Altern zu warnen. Ein zusammenfassender Artikel darüber ist in "Spektrum der Wissenschaft" (August-Ausgabe) nachzulesen.