Aachen: „Cyrano“: Lange Nase und großes Herz

Aachen : „Cyrano“: Lange Nase und großes Herz

Trotz der schülerfreundlichen Aufführungskürze von 80 Minuten kann der berühmte Ritter mit der großen Nase sich in der Produktion von Greta, dem jungen Grenzlandtheater, voll entfalten und überzeugen. Mit dem historischen Cyrano de Bergerac (1619-1655), der ein Zeitgenosse Molières war und als Haudegen wie als geistreicher und wagemutiger Utopist auffiel, hatte schon die „Romantische Komödie“ von Edmond Rostand 1897 einiges zu tun.

Die frische und witzige Bearbeitung für Jugendliche ist Jo Roets und Greet Vissers wunderbar gelungen und kam beim Publikum im Aachener Kaiser-Karls-Gymnasium glänzend an. Und natürlich hat der Ritter immer die Nase vorn — nicht nur, weil sie so lang ist...

Die feinfühlige Regie von Tim Riedel führt die Jugendlichen nicht nur in eine abenteuerliche Welt, sondern offenbart auch die verschiedensten Charaktere. Cyrano, der kluge, wortgewandte und tapfere Ritter, schämt sich seiner ausgeprägten Nase und wagt nicht, der schönen Roxane seine Liebe zu gestehen. Die wiederum fühlt sich zu dem hübschen Kadetten Christian hingezogen. Dem Schönling aber fehlen Geschick und Worte, und Roxane will geistreiche Liebeserklärungen hören.

Wenn Tobias Novo als Cyrano sich das kräftige Riechorgan anklebt, ist schon zu spüren, dass diese „Äußerlichkeit“ eben nicht die Person ausmacht. Erst sein „Nasen-Komplex“ hemmt den edlen, geistreichen und sehr verliebten Mann. Der dem eher tumben Christian sogar hilft — es sind Cyranos hinreißende Brief-Ergüsse, die das schöne Fräulein seufzen und schmachten lassen. Eine tolle Balkonszene: Wenn Cyrano seinem Freund soufflieren will, was Roxane so gerne hört, geht die Sache fast schief.

Andrea Riedels Bühne besteht aus Bretterverhauen, die sich immer wieder anders anordnen lassen. Tim Riedels Schwester hat auch die unaufdringlich-schönen Kostüme zu verantworten. Berührend, wenn später die angebetete Roxane aus ihrem weißen Kleid steigt, um ein düsteres Trauergewand anzulegen. Degenkämpfe, Kriegsgeschehen in Arras, die überstürzte Heirat mit Christian, nachdem Roxane vom lüsternen Grafen Guiche bedrängt worden war: Die fesselnden Szenen, ob turbulent oder tragisch, imponieren auch mit wechselndem Sprachgestus und -rhythmus, sogar mit Rap!

Ganz bezaubernd ist Manuela Frauenrath als Roxane, die erst Jahre später begreift, dass sie eigentlich Cyrano und seine Sprache liebt, während sie in den hübschen Kadetten nur „vernarrt“ war. Sven Djurovic imponiert als Schönling Christian ebenso wie in verschiedenen Rollen als Bäckermeister oder Graf Guiche. Und Tobias Novo überzeugt sogar als gealterter Schriftsteller Cyrano, der einem politischen Anschlag erliegt. Und der Roxane noch immer liebt...

Rauschender Beifall beim Schüler-Publikum, das wohl hinter dem kurzweiligen Bühnenzauber auch die ernste Botschaft sah.