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Aachen: Couven-Museum: Von der Liebhaberei zur Wissenschaft

Aachen : Couven-Museum: Von der Liebhaberei zur Wissenschaft

Das kastanienbraune Zypergras kennt nicht einmal Google — und das will schon etwas heißen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass es so selten ist, dass es in ganz Deutschland nur an einem einzigen kleinen Ort zu finden war: in Aachen-Burtscheid, in der Nähe der heißen Quellen.

Dort fühlte es sich wohl. 1853 ist es hier ausgestorben — seine Lebenswelt wurde einfach überbaut. Eine Erkenntnis und ein Wissen, das vermutlich die Zeit nicht überdauert hätte, gäbe es da nicht das „Rheinische Herbar“ — die botanische Sammlung des Naturhistorischen Vereins der Rheinlande und Westfalens mit 70.000 Belegen höherer Pflanzen aus der Zeit zwischen 1805 und 1935. Und so ist es letztlich dem menschlichen Sammeldrang zu verdanken, dass auch solche Veränderungen der Artenvielfalt dokumentiert worden sind.

„Wundern und staunen“

Eine Doppelausstellung in Aachen — im Couven- und im Suermondt-Ludwig-Museum — thematisiert nun dieses Phänomen: die Aneignung der Welt durch das Anlegen von naturkundlichen und künstlerischen Sammlungen. „Weltensammler“ lautet der Übertitel, „Die Erforschung der Natur“ überschreibt den Ausstellungsanteil im Couven-Museum, der bereits am Donnerstag vorgestellt wurde, „Wundern und staunen“ den Part im Suermondt-Ludwig-Museum, der übernächste Woche der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Sich wundern und staunen kann man allerdings schon jetzt in Aachens „guter Stube“: Sage und schreibe 400 Exponate — Versteinerungen, Mineralien, Schmetterlinge, ausgestopfte Tiere und andere Teile früher Naturaliensammungen — sind über das ganze Couven-Museum verteilt. Die Vitrinen finden sich mitten in der ohnehin sehenswerten Dauerausstellung über das bürgerliche Leben im 18. und 19. Jahrhundert. Eröffnet wird „Die Erforschung der Natur“, erarbeitet von Gisela Schäffer, heute um 19 Uhr. Aachens Kulturdezernentin Susanne Schwier („eine Ausstellung für die ganze Familie“), Museumsleiter Frank Pohle und die Kuratorin führten am Donnerstag schon einmal vorab durch die Schau, die in Aachen als Stadt der Wissenschaft nirgendwo anders besser angesiedelt wäre.

Am Anfang waren es die Fürsten, die möglichst die ganze Welt in all ihren natürlichen Erscheinungen gesammelt haben. Entsprechend wird der Besucher empfangen von einem Porträt der Markgräfin Karoline Luise von Baden (1723-1783), in einem dicken Wälzer blätternd, den sie selbst in Auftrag gab: Sämtliche Pflanzen der Welt sollten mit Kupferstichen darin abgebildet werden, zweiteilig benannt nach dem Linnéschen System.

Von der eigenen Naturaliensammung der Markgräfin, die in ihrem Schlosslaboratorium physikalische und chemische Experimente durchführte, sind leider nur die Häuschen von Meeresschnecken übrig geblieben, jetzt exemplarisch versammelt in einer repräsentativen Vitrine als Leihgabe des Staatlichen Naturkunde Museums Karlsruhe.

Der Wissendurst und die Sammelleidenschaft ergriffen mit der Zeit auch das Bürgertum und mit ihm änderten sich Mitte des 18. Jahrhunderts auch die Kultur des Sammelns und das damit verbundene Weltbild, erläutert Gisela Schäffer. Mit dem Anwachsen der bekannten Welt und damit auch der Sammelobjekte flossen die „Wunderkammern“ allmählich über und Systematik zog ein in die Kollektionen der Naturalien.

Pionier der Paläontologie

Ein Pionier im Bereich der Paläontologie war Georg August Goldfuß (1782-1848). Das nach ihm benannte Goldfuß-Museum im Steinmann-Institut der Universität Bonn beherbergt heute seine Sammlung: Fossilien aus der ganzen Welt als Zeugnisse für die Jahrmilliarden alte Geschichte des Lebens auf der Erde. Das Couven-Museum zeigt eine Reihe der besten Stücke von Versteinerungen wirbelloser Tiere.

Der Einfallsreichtum des Menschen ist grenzenlos, wenn es darum geht, Geld zu scheffeln — auch das beweist eine Handvoll von Fossilien, die frühe Zeitgenossen schamlos gefälscht hatten — den Markt gab es dafür. „Lügensteine“ heißen sie. Ein gewisser Johannes Beringer fiel darauf rein und veröffentlichte 1726 ein Buch über seine Schätzchen, die sich im Nachhinein als nachgemacht entpuppten.

Aus dem Institut für Paläontologie der Universität Bonn — übrigens einer von insgesamt acht Leihgebern, darunter auch die RWTH Aachen — stammt ebenfalls der Scaphognatus crassirostris: ein Flugsaurier, der vor 150 Millionen Jahren ein Star der Lüfte war. Er ist jetzt in der bürgerlichen Küche des Couven-Museums untergebracht.

Kristalline Mineralien dürften unter den Besuchern ebenso viele Freunde finden wie die Objekte aus dem Rheinischen Herbar. Und Odine Lang hat dem Ganzen mit einem künstlerischen Beitrag das i-Tüpfelchen aufgesetzt: eine Installation aus Fantasiefossilien.