Aachen: „Club-Gig“ des Star-Ensembles

Aachen : „Club-Gig“ des Star-Ensembles

Gelb, unscheinbar, geradezu gewöhnlich sind sie. Und doch trugen die vier Bleistifte zu einem der Höhepunkte des Abends bei. Mit ihnen trommelten die Musiker des Kronos Quartets rhythmisch auf ihren Instrumenten herum, strichen mit ihnen über die Saiten von Cello, Bratsche und Violinen und brachten so den „Pencil Sketch“ — die Bleistift-Skizze — von Yevgeniy Sharlat zum Klingen.

In dem rund zwölfminütigen Stück steckte alles, was die Arbeit des legendären Ensembles auszeichnet: Mut zum Experiment, große Virtuosität, hintergründiger Humor und grenzenlose Liebe zur Musik.

Dass es Lars Templin vom Aachener Musikbunker gelungen ist, das Kronos Quartet für einen Auftritt zu gewinnen, darf schon als außergewöhnlich bezeichnet werden. Normalerweise gastieren Bands aus dem breiten Spektrum zwischen Rock, HipHop und Techno hinter den dicken Stahlbeton-Mauern. Graffitis, Sticker und Poster an den Wänden sowie gedimmtes Licht sorgen für Punk-Charme. Die vier Musiker aus San Francisco hingegen gastieren meist in großen Konzerthäusern wie etwa zuletzt im Mai in der Hamburger Elbphilharmonie.

Und nun ein „Club-Gig“? Das Kronos Quartet genoss die Atmosphäre sichtlich, charmant und mit Humor führte Gründer David Harrington durch den Abend. Und den rund 200 Zuhörern im ungewöhnlicher Weise bestuhlten Raum — die meisten gehören sicher nicht zum Stammpublikum des Musikbunkers — schien die seltene Chance bewusst zu sein, diesem Ausnahme-Ensemble aus der Nähe beim Musizieren zusehen zu können. Kein Mucks war zu hören, bis auch der letzte Ton eines jeden Stücks verklungen war. Dafür brandete der Applaus anschließend umso lauter auf.

Seit 45 Jahren kartographiert das Kronos Quartet musikalische Landschaften mit den Mitteln eines Streichquartetts — im weitesten Sinne. Das Gerüst des Auftritts in Aachen bildeten Stücke aus dem aktuellen, noch nicht abgeschlossenen Zyklus „50 For The Future“. Dabei handelt es sich um Werke von Komponisten aus allen Teilen der Welt, mit denen das Kronos Quartet teils schon lange zusammenarbeitet. Es ist gleichzeitig eine Art Lernprogramm für junge, noch unerfahrene Ensembles, denen die Partituren und andere Hilfen frei zur Verfügung gestellt werden und die sich so ein Repertoire mit zeitgenössischen Stücken erarbeiten können.

Das schon erwähnte „Pencil Sketch“ gehört dazu, aber auch „Another Living Soul“ der Kanadierin Nicole Lizée, bei dem neben anderen Geräuschmachern auch Schläuche geschwungen werden, um einen Heulton zu erzeugen. Arabische Klänge bietet das Stück „Zaghlala“ des Ägypters Islam Chipsy mit Tabla und summenden Violinen, wohingegen „Quartet Satz“ von Philip Glass nahezu klassisch anmutet.

Glass gehört mit Steve Reich und Terry Riley zu den Vertretern der Minimalmusik, ohne deren Kompositionen das Kronos Quartet im Prinzip nicht denkbar wäre. Vielleicht wäre auch umgekehrt deren Musik ohne das Kronos Quartet nicht denkbar. Rileys „One Earth, One People, One Love“, ziemlich genau in der Mitte des zweistündigen Auftritts, war entsprechend eine Art Gravitationszentrum, um das die anderen Stücke kreisten.

Schließlich: amerikanische Klassiker. Mahalia Jacksons „God Shall Wipe All Tears Away“, Billie Holidays „Strange Fruit“ und John Coltranes „Alabama“ sowie „Summertime“ von Janis Joplin und „House Of The Rising Sun“, inspiriert von der Version der Everly Brothers.

Ein außergewöhnlicher, großartiger, begeisternder Abend.