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Aachen: Claus Peymann voller Selbstironie in Aachen

Aachen : Claus Peymann voller Selbstironie in Aachen

Skandale und Erfolge pflastern seinen Weg, und man weiß nicht, welche Seite seiner über dreißigjährigen Theaterkarriere ihn letztlich bekannter gemacht hat: Claus Peymann, gegenwärtig Direktor des Berliner Ensembles.

Wenn der 65-Jährige heute von den ganz realen Dramen und Komödien erzählt, die seine verschiedensten Intendanzen in Frankfurt, Stuttgart, Bochum und Wien begleitet oder mitunter auch beendet haben, dann spricht er darüber amüsiert und voller Selbstironie - wohlwissend, dass diese Stücke, in denen er selbst die Hauptrolle gespielt hat, längst in die deutsche Theatergeschichte eingegangen sind.

Auf der Bühne des Theaters Aachen, vor ziemlich vollem Haus, plauderte Claus Peymann am gestrigen Sonntagvormittag zwei Stunden lang aus dem Nähkästchen.

Und offenbarte dabei fast ein wenig „pastoral” (Peymann über Peymann), was ihn als leidenschaftlichen Theatermacher so alles an- und umtreibt.

Moderator Andreas Beyer, Kunsthistoriker an der RWTH Aachen, fiel dabei die Rolle zu, seinen munteren Gesprächspartner mit wenigen Stichworten in Gang zu setzen.

Erinnerung an Beschimpfungen

Das waren noch Zeiten, als seine vier Schauspieler 1966 nach der zweiten Vorstellung von Handkes „Publikumsbeschimpfungen” in einem Frankfurter Nachtlokal festgenommen wurden - einer davon: Ulrich Haß, der jetzt als Arthur Millers „Handlungsreisender” auf der Aachener Bühne steht. Ein Wiedersehen, das Peymann gebührend würdigte.

In Stuttgart wollte ihn damals Filbinger rausschmeißen. „Dann musste er eher gehen als ich, was mich sehr gefreut hat.” Mit Genuss erinnert sich Peymann an die Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz” in Wien, „als sich ein ganzes Land in die Haare geriet” über den Antisemitismus-Vorwurf im Stück. Peymanns Resümee: „Der Skandal, das ist die Verbreitung von nicht zulässigen Wahrheiten.”

Und er wird nicht müde, „das Ein- malige, das Besondere, Unsterbliche, niemals Abzuschaffende” des Theaters glaubhaft zu beschwören: das „Lächerlichmachen der Herrschenden” beispielsweise, aber auch das schlichte Gemeinschaftserlebnis, ein Fest zu feiern, „zu lachen und zu erschüttern”.

Den Sozialismus als „moralische Alternative” zur gegenwärtig orientierungslosen Gesellschaft empfindet er dabei als Richtschnur für ein politisches Theatermachen, das sich „der großen Geschichte und großer Bilder” anzunehmen hat - den Träumen und Utopien von einer gerechteren Welt.

Begrüßt hatten den Berliner Gast Intendant Paul Esterhazy und Burkhard Rauhut, Rektor der RWTH Aachen, die erklärtermaßen künftig Partner des Theaters sein will. Ingrid Böttcher stellte zum Abschluss der Matinee Ziele und Aufgaben der „Unterstützungsinitiative Theater Aachen” vor.