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Aachen: Chinese James P. Liu dirigiert das erste Aachener Sinfoniekonzert

Aachen : Chinese James P. Liu dirigiert das erste Aachener Sinfoniekonzert

Pipa, Wu Man, Tan Dun, Toru Takemitsu, P. Liu — gänzlich ungewohnte Vokabeln begegnen dem Besucher des ersten Aachener Sinfoniekonzerts im Programm an diesem Sonntag- und Montagabend.

Sie signalisieren zweifelsfrei: Gleich zu Beginn der neuen Saison eröffnen sich dem Klassikfreund im Eurogress nicht gerade oft gehörte Klangwelten voll östlicher Exotik. Von den vier Musikstücken des Abends stammt das zweite von einem chinesischen, das dritte von einem japanischen Komponisten, die Solistin wurde in Hangzhou geboren, der Dirigent in Singapur.

Grenzgänger zwischen den Kulturen: Der chinesische Dirigent James P. Liu hat beim ersten Aachener Sinfoniekonzert der Saison an diesem Sonntag- und Montagabend die musikalische Leitung.
Grenzgänger zwischen den Kulturen: Der chinesische Dirigent James P. Liu hat beim ersten Aachener Sinfoniekonzert der Saison an diesem Sonntag- und Montagabend die musikalische Leitung. Foto: Heike Lachmann

Ein überaus mutiges, programmatisch folgenreiches Motto prägt die kommende Spielzeit der Aachener Sinfoniekonzerte: „Grenzen überwinden“, verstanden als eine klangliche Reise über alle Länder- und Kulturgrenzen hinweg. Da nimmt das Unbekannte zwangsläufig einen beachtlichen Raum ein.

„Spannender Kontrast“

„Ein spannender Kontrast“, findet James P. Liu in feinstem Chinesisch, das uns freundlicherweise Xin Wang, mongolische Pianistin und Frau von Lius Aachener Agenten Florian Koltun, übersetzt. Borodins „Steppenskizze aus Mittelasien“ und Tschaikowskys „Kleinrussische“ Sinfonie Nr. 2 c-Moll, kombiniert mit einem Konzert für Pipa und Streichorchester von Tan Dun und der Komposition „How slow the wind“ von Toru Takemitsu — das ist so ganz nach dem Geschmack des chinesischen Dirigenten Liu, der selbst ein profilierter Grenzgänger zwischen den Kulturen ist.

Ein blauer Seidenschal um den Hals gewickelt, rote Hose, blaues T-Shirt — leger-locker und smart lachend sitzt uns James P. Liu in seinem Hotel gegenüber und vermittelt den Ausdruck einer weltläufigen Persönlichkeit, die gerne über das erzählt, was sie leidenschaftlich beschäftigt: klassische europäische Musik, zumal von deutschen Komponisten.

Seit 2004 ist er Chefdirigent des Wuhan Philharmonic Orchestra, nach einem Studium in Wuhan, Shanghai, Utrecht und an der Michigan State University in den USA. Liu stammt aus einer prominenten chinesischen Musikerfamilie — sein Großvater verfasste das erste Musikwörterbuch Chinas. Er wurde mit zahlreichen chinesischen und japanischen Preisen ausgezeichnet und gastierte als Dirigent unter anderem bei den Nürnberger Symphonikern und den Duisburger Philharmonikern.

Seine Wuhan-Philharmonie ist eines von 70 staatlichen Orchestern, die in China existieren, erzählt Liu. Zu 90 Prozent spielt es europäische Klassik — vornehmlich für ein junges Publikum. „Seit dem Ende der Kulturrevolution Ende der 70er Jahre gibt es ein wachsendes Interesse an Beethoven, Tschaikowski und Mozart“, erklärt Liu. Die deutschen Komponisten stehen dabei in der Gunst der chinesischen Klassik-Liebhaber ganz oben. Auch bei Liu selbst, der Zeitgenössisches zwar gerne respektiert, wie er sagt, allerdings „kein Fan davon“ ist. Er liebt die Tradition, Musik der Klassik und Romantik: „Da ist der Inhalt wichtig und nicht der Effekt. Das geht es noch richtig tief in die Seele.“

Am liebsten dirigiert Liu deutsche Orchester — viel lieber noch als sein eigenes in Wuhan. Den chinesischen Musikern fehlt ihm viel zu sehr die Harmonie, der Zusammenhalt und der Sinn für Klangvorstellungen. „Alles viel zu dünn und zu oberflächlich“, ergänzt Übersetzerin Xin Wang, selbst Preisträgerin zahlreicher internationaler Klavierwettbewerbe, die ihre Karriere in China begann. Liu: „Bei den Chinesen ist die Melodie das Wichtigste. Bei den deutschen Orchestermusikern ist der Ausdruck viel stärker, und hier ist der Klang noch original.“

Unterschiede in der Mentalität

Keine Frage, dass Liu gewisse Unterschiede in der Mentalität japanischer, chinesischer und deutscher Orchester gespürt hat: „Die Japaner setzen in zwei Sekunden alles um, was man ihnen sagt. Den Chinesen muss man erst einmal alles ausführlich erklären. Und die Deutschen haben die größte Disziplin: Wenn ihre Dienstzeit um ist, dann hören sie auf die Sekunde genau auf“, sagt Liu lachend.

Mit Wu Man als Solistin wird das Aachener Publikum die weltweit führende Pipa-Virtuosin erleben können. 1963 geboren in Hangzhou, studierte sie am Zentralen Musikkonservatorium in Peking; seit 1990 lebt sie in den USA. Sie musizierte an der Seite der berühmtesten Dirigenten der Welt, unter anderem Dennis Russell Davies, Christoph Eschenbach und Yuri Bashmet. Zu ihrem Metier gehören zeitgenössische Musik und Weltmusik ebenso wie Jazz. Regelmäßig arbeitete sie mit dem Kronos Quartet zusammen.

2000 Jahre alte Geschichte

Die Geschichte ihres Instruments ist gut 2000 Jahre alt: Die viersaitige Pipa ähnelt der westlichen Laute, wobei ihr birnenförmig-ovaler Korpus flacher ist. Unter dem Einfluss von Wu Man wurden zahlreiche neue Solo- und Orchesterwerke für ihr Instrument geschrieben. Zum Einsatz bringt sie es in Aachen in dem Konzert des chinesischen Komponisten Tan Dun, 1957 geboren in Hunan. Seit 1986 lebt er in New York. Sein Stück entstand 1999 als Fortsetzung einer 1994 von ihm komponierten „Ghost Opera“ für Pipa und Streichquartett, die in der 4000 Jahre alten Tradition der chinesischen „Geisteroper“ steht. Bewusst lässt er die unterschiedlichen Klänge von Pipa und westlichem Streichorchester miteinander verschmelzen.

Ein überaus seltenes Erlebnis im Konzertsaal stellt die Aufführung der Komposition „How slow the wind“ des Japaners Toru Takemitsu (1939-1996) dar. Impulse fand der Komponist früh bei Strawinsky und John Cage, ehe er sich auf die Schönheit der traditionellen japanischen Musik zurück besann. „How slow the wind“ war eine Auftragskomposition des schottischen Kammerorchesters aus dem Jahr 1991. In Takemitsus Musik dominieren von Spiritualität und intensiver Naturerfahrung geprägte Klangwelten.