Cecilia Bartoli wird in Köln gefeiert

Philharmonie Köln: Hoch virtuos durch den Dschungel der Gefühle

Klassikstar Cecilia Bartoli setzt ihren Erfolg mit Vivaldi-Arien fort. In Köln wird die Sängerin mit einem Jubel-Orkan gefeiert.

Die Marketing-Strategie dürfte aufgehen: 20 Jahre wartete die Fangemeinde von Cecilia Bartoli auf eine Fortsetzung ihrer erfolgreichen Beschäftigung mit den Opern Antonio Vivaldis. Und zeitgleich mit der Veröffentlichung der neuen CD „Viva Vivaldi!“ startet die römische Mezzosopranistin eine ausgedehnte Europa-Tournee. Der Auftakt in der nahezu ausverkauften Kölner Philharmonie erbrachte den erwarteten Erfolg. Und den gönnt man der Sängerin von ganzem Herzen. Ihre sympathische, allürenfreie Ausstrahlung, ihre Bühnenpräsenz auch auf dem Konzertpodium, ihre gesangstechnische Perfektion und stilistische Wandlungsfähigkeit: Das alles sind ideale Bedingungen für einen Kultstatus im Opernbetrieb.

Nicht zu vergessen die bemerkenswerte Kondition: Nach rund zwei Stunden drehte sie mit einem üppigen Zugabenteil noch stärker auf, wobei sie neben Vivaldi auch noch Edles von Mozart und Gershwin ertönen ließ und im Wettstreit mit dem koloraturgewandten Trompeter Thibaud Robinne als Siegerin hervorging.

All das gehört zur Show, um die Herzen des Publikums noch höher schlagen zu lassen. Dahinter verbirgt sich jedoch eine äußerst seriöse Auseinandersetzung mit Vivaldi, was sich am klug durchdachten Programm ablesen lässt. Aus den nach Vivaldis eigener Einschätzung 94 Opern, von denen 50 mehr oder weniger vollständig erhalten sind, stellte Cecilia Bartoli zehn Arien zusammen, die die stilistische Spannbreite seiner Musik von der aufgewühlten Rache-Arie bis zur erschütternden Elegie, von halsbrecherischen Koloratur-Kaskaden bis zu endlosen Legato-Ketten in Beziehung zu Vivaldis allgemein bekannterer Instrumentalmusik setzen sollen. Und so verknüpfte man die Arienfolge mit Ausschnitten aus Vivaldis berühmten „Jahreszeiten“.

Auch wenn die Arien insgesamt nicht die wuchernde Experimentierfreude aufweisen wie die Violinkonzerte, sind doch in einigen der Opernstücke ähnliche Klangmalereien zu erleben. Aber wichtiger für die Oper ist ohnehin der Affektgehalt, der Stimmungswert der Musik. Und mit ihrer immer noch völlig intakten und verschleißfreien Stimme, ihrer technischen Perfektion und ihrer intensiven Emotionalität kann sich die Sängerin sicher durch den Gefühlsdschungel der Arien bewegen. Gleichwohl besticht die Sängerin auch in den schwierigsten Passagen durch eine natürlich wirkende Gestaltungskraft ohne jeden Hang zu oberflächlicher Effekthascherei.

Das zeigt sich auch daran, dass die Arien und Konzertsätze zu zwei pausenlos ablaufenden Blöcken verschweißt wurden, so dass das Publikum mit seinem Beifall bis zum Ende der knapp einstündigen Teile warten musste. Und die Zustimmung folgte mit orkanartiger Vehemenz und nicht enden wollenden Standing Ovations. Es spricht für die Seriosität der Künstlerin, dass sie den Beifall immer wieder auf die fabelhaften Streicher und Bläser von „Les Musiciens du Prince“ aus Monaco lenken wollte.

Ein Orchester unter Leitung von Gianluca Capuano, das Vivaldis Musik quicklebendig, hoch virtuos und mit gertenschlanker Tongebung dahintupfte und sich dabei von den in Sachen Tempo, Dynamik und Klanggebung extremen und überdrehten Exzessen mancher Kollegen wohltuend distanziert. Zu nennen sind als Solisten auch der Geiger Andrés Gabetta in den „Jahreszeiten“ sowie der Flötist Jean-Marc Goujon und der Oboist Pier Luigi Fabretti.

Am 7. Dezember tritt Cecilia Bartoli mit dem Programm im Konzerthaus Dortmund auf.

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