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Burg Wilhelmstein: Beth Hart über ihr Leben und ihre Musik

Burg Wilhelmstein: Beth Hart über ihr Leben und ihre Musik

Beth Hart vereint eigentlich zu viele widersprüchliche Attribute für die eher gradlinig orientierte Popwelt. Da ist ihre Musik, die sich aus staubigem Blues, erdigen Funk-Taktungen und tiefem Soulverständnis speist. Da sind aber auch die Tattoos auf der Haut, die weniger modisches Schmuckwerk als vielmehr Erinnerungen an überaus grenzwertige Lebensetappen sind, denen Hart nur mit ihrer Willenskraft entkam.

Einen Auftritt der 43-Jährigen nur als Konzert zu bezeichnen, käme der Verwechslung einer Las-Vegas-Show mit den Bühnengeständnissen Nina Simones gleich. Vor ihrer Soul- und Blues-Audienz auf Burg Wilhelmstein erzählt die Kalifornierin, wo es diesen Ort gibt, den sie auf ihrem neuen Album als „Better Than Home“ bezeichnet.

Beth Hart, ist die Bühne ein angenehmerer Ort für Sie als Ihr Zuhause?

Hart: Es klingt schön glamourös, was Sie sagen, aber die Bühne ist viel mehr Notwendigkeit als Glamour für mich. Das Unterwegssein ist ein Zustand, der sicherer ist als das Daheimsein. Ich bin als manisch depressiv diagnostiziert worden und brauche zur Medikation zusätzlich reichlich körperliche Belastung, um meine Gehirnchemie in Balance halten zu können. Das Tourneeleben hat heilenden Charakter, weil ich meine Emotionen mit meinem Publikum teilen kann. Ich kann mich offenbaren, womit ich schlimmen depressiven Phasen ein Schnippchen schlagen kann.

Dann muss Ihre Kindheit schmerzlich für Sie gewesen sein.

Hart: Es war die Hölle. In meiner Familie lief, als ich vier Jahre alt wurde, alles schief, was schieflaufen konnte. Interessanterweise begann ich just mit vier Jahren, Songs zu schreiben. Das Piano wurde zu meinem Zuhause, weil meine wirkliche Familie zerbrach. Ich saß so am Piano, wie viele Leute vor einem Altar stehen oder knien. Ich konnte mit einer höheren Instanz kommunizieren, Gott um Hilfe bitten, wenn meine Finger Klaviertasten berührten.

Es ist typisch amerikanisch, eine höhere Macht anzurufen und ihr den Namen Gott zu geben, wenn man auf der Suche nach sich selbst ist. Appellieren Sie in Ihrer Musik nicht vor allem an Ihren eigenen Geist?

Hart: Jeder Künstler, jeder Songwriter, Maler, Autor, Bildhauer nutzt seine Kunstfertigkeit letztlich zur Suche nach höherem Bewusstsein. Wir versuchen alle, diesem Wahnsinn, den wir Leben nennen, einen Sinn zu geben. Immer, wenn wir denken, den richtigen Weg für uns gefunden zu haben, weist uns das Leben auf unbarmherzige Weise einen anderen Weg.

Schlägt man sich auf die Seite der Idylle, schlägt sie zurück.

Hart: Und wie! Aber das ist ja auch beruhigend. Würden wir weiter nach einem Sinn suchen und bemüht sein, wenn uns das Leben nicht immer wieder aus der Bahn werfen würde?

Gibt Ihnen das Songwriting eine Art Ordnung in Ihrem Leben?

Hart: Ich kann Ihnen nach langer Drogenkarriere sagen, dass Musik mein Leben buchstäblich gerettet hat. Wenn meine Depression zuschlägt, möchte ich keinen Menschen sehen. Noch viel schlimmer ist, dass ich mich in depressiven Phasen selbst nicht ertragen kann. Ich weiß sie aber inzwischen zu nutzen, weil sie sich hervorragend zum Songwriting nutzen lassen.

Dann müssen Sie lange keine depressiven Phasen mehr erlebt haben, denn Ihr neues Album „Better Than Home“ beinhaltet die versöhnlich-positivsten Songs Ihrer Karriere.

Hart: Wie gesagt, ich befinde mich immer auf dem Weg dahin, mich selbst besser verstehen zu können. Inzwischen habe ich begriffen, dass Licht nur sichtbar ist, wenn man Schatten wahrnehmen kann. Aus der Dunkelheit kommt Licht, jeder Schmerz kann auch ein Kraftgeber sein. Meine neue Platte ist mein Versuch, meinem Lebensweg eine positive Note zu geben.

Sie singen mitunter so tiefgehend schmerzlich, dass das Zuhören nicht ohne Erlebnis bleibt. Fühlen Sie sich selbst nach einem Konzert nicht ausgelaugt?

Hart: Nein, im Gegenteil. Warum sollte ich mich auf eine Bühne stellen, Gitarre und Piano spielen und singen, wenn ich mir der Tragkraft von Songs nicht bewusst wäre? Sicher, ich erzähle meine Geschichte in meinen Songs, aber die Menschen, die mir zuhören, erleben dabei auch ihre eigene Geschichte. Es ist ein großartiges Gefühl, eins zu werden mit dem Publikum. Ich spüre an den Reaktionen meiner Zuhörer, wie sie ihre eigenen Geschichten Revue passieren lassen, indem sie mir zuhören.

Man könnte sich aber als Zuhörer Ihrer Konzerte auch als Voyeur fühlen.

Hart: Papperlapapp! Je intimer und direkter ein Konzerterlebnis ist, desto größer ist der Austausch zwischen Bühne und Publikum. Ich bin nicht Musikerin geworden, um Shows abzuliefern. Ich selbst habe Konzerte von Kollegen erlebt, die für mich wie eine spirituelle Reinigung waren, und das meine ich nicht im religiösen Sinne. Das kann zunächst wehtun und man ist vielleicht verstört. Aber starke Emotionen, die einen auf den Kopf stellen, werden meist zu Freunden.

Wie haben Sie Ihr Publikum auf Burg Wilhelmstein erlebt, als Sie vor ein paar Jahren schon mal dort aufgetreten sind?

Hart: Als warmherzig, offen und gewillt, den Moment leben und erfahren zu können. Für mich als Künstlerin gibt es kein schöneres Kompliment.