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Das „Camp Moria“ in Griechenland: Wo die Menschlichkeit verloren geht

Das „Camp Moria“ in Griechenland : Wo die Menschlichkeit verloren geht

Jean Ziegler hat „Camp Moria“ in Griechenland besucht. In seinem neuen Buch „Die Schande Europas“ beschreibt er die dortigen Zustände und rechnet mit der EU-Flüchtlingspolitik ab.

Zorn ist aus jedem seiner Sätze zu spüren. Zorn über die europäische Flüchtlingspolitik. Zorn über die Zustände in „Camp Moria“. Im vergangenen Mai besuchte Jean Ziegler das auf der griechischen Ägäis-Insel Lesbos gelegene größte Flüchtlingslager der EU. Die Zustände dort haben den Soziologen und Autoren schockiert. Er nennt Moria in seinem neuen Buch „die Schande Europas“.

Ziegler weiß, was Elend ist. Acht Jahre lang war der Schweizer Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. „Alles, was ich in dieser Zeit in den Slums der Welt gesehen habe, ist nichts gegen das, was ich in Moria erleben musste“, sagt der 85-Jährige. „In dem Lager werden am laufenden Band Menschenrechte verletzt, es herrscht die totale Verzweiflung.“

Moria ist eine alte griechische Kaserne. Im November 2015 wurde sie zu einem Flüchtlingszentrum umgebaut. Ursprünglich für 3000 Soldaten konzipiert, hausen heute in dem Camp und den angrenzenden Zeltdörfern mehr als 18.000 Menschen. Die Flüchtlinge – meist aus Syrien, Afghanistan und dem Irak stammend – leben dort in permanenter Angst. Ständig stehen sie vor der Frage: „Darf ich einen Asylantrag stellen und vielleicht in der EU bleiben? Oder werde ich in die Türkei abgeschoben und von dort möglicherweise in mein Herkunftsland?“ Manche warten bereits seit mehreren Jahren auf eine Entscheidung.

Müllberge, Ratten und Schlangen

Die hygienischen Zustände in dem hoffnungslos überfüllten Camp sind längst untragbar. „Um die Hütten von Moria türmt sich der Abfall“, schreibt Ziegler. „Ratten und Schlangen nisten sich in den Müllbergen ein. Mangels Wasser können die Gefangenen von Moria ihre Schlafsäcke nur alle zwei Monate waschen.“ Andere schlafen auf bloßem Boden, auf Pappkartons, die sie vor Feuchtigkeit schützen sollen.

Die Verpflegung in dem Elendsquartier ist miserabel. Die Sanitäranlagen sind in einem erbärmlich schlechten Zustand. Medizinische Hilfe gibt es kaum. Dabei ist offensichtlich: Viele der Flüchtlinge sind schwer traumatisiert. „Wohin ich auch blicke, mit wem ich auch spreche in Moria, ich stoße auf Tragödien“, schreibt Ziegler. „Die überwältigende Mehrheit der Flüchtlinge – Kinder, Frauen und Männer – sind gezeichnet von den Schrecken, die sie in ihren Herkunftsländern erlebt haben, oder durch die Leiden und Demütigungen, die sie während ihrer langen und schmerzlichen Odyssee erdulden mussten.“

Vor allem das Elend der tausenden unbegleiteten Kinder von Moria, deren Eltern im Krieg oder auf der Flucht umgekommen sind, treibt Ziegler zur Verzweiflung. In seinem Buch zitiert er eine Verlautbarung des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge. In ihr heißt es: „Den Kindern fehlt es an angemessenem Trinkwasser, ausreichender Nahrung, Schulen, Gelegenheiten zum Spielen. Sie erleiden sexuellen Missbrauch und andere Gewalttaten vonseiten Erwachsener, vor allem der Wachen.“

Jean Ziegler: „Die Schande Europas – Von Flüchtlingen und Menschenrechten“ , 144 Seiten, 16 Euro, Bertelsmann. Foto: Bertelsmann

Niemand, so Ziegler weiter, kümmere sich um die Schwächsten der Schwachen. Häufig seien ihre Körper mit Narben bedeckt. Immer wieder komme es zu Selbstverstümmelungen und Selbstmorden von Kindern. Nicht zuletzt deshalb wirft Ziegler den europäischen Staaten eine „unfassbare Heuchelei“ vor: „Während sie sich darauf vorbereiten, den 30. Jahrestag der UN-Konvention für die Rechte des Kindes mit Pomp und Gloria zu feiern, dulden sie das Martyrium der Kinder in Moria, ohne mit der Wimper zu zucken.“

Ziegler belässt es in seinem Buch nicht bei einer Beschreibung von Moria. Anklage erhebt er auch gegen die Verantwortlichen für die Zustände in dem sogenannten Hotspot. Laut Ziegler sitzen sie nicht nur in Athen, sondern auch in Brüssel und Berlin. Ihnen wirft er „eine bewusste Politik der Abschreckung“ vor. „Die Übeltäter in Brüssel lassen zu, dass sich in den Hotspots Überlebensbedingungen entwickeln, die an die Konzentrationslager unseligen Angedenkens erinnern, und hoffen so, die Flut der Flüchtlinge austrocknen zu können“, schreibt Ziegler. Diese „europäische Strategie“ sei zutiefst unmoralisch, stehe in krassem Widerspruch zu den eigenen Ansprüchen und Prinzipien.

Berührend und aufrüttelnd

Manche Kritiker werfen Ziegler vor, er bediene sich häufig einer überzogenen Rhetorik und blende die Realpolitik aus. Aber das dürfte ihn kaum stören. Ziegler versteht sich als radikaler Humanist. Er will beschreiben, was ist. Er will das Gesehene ohne diplomatische Rücksichtnahme politisch einordnen.

Natürlich ist Zieglers berührendes und aufrüttelndes Buch eine Kampfschrift. Aber wofür lohnt es sich mehr zu streiten als für eine Kultur der Solidarität und der Menschlichkeit? Der zornige alte Mann aus der Schweiz macht das seit Jahren. Auch mit seinem neuen Buch ist es ihm wieder eindrucksvoll gelungen.