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Neues Sachbuch von Mojib Latif: „Countdown“: „Wir müssen komplett umdenken“

Neues Sachbuch von Mojib Latif: „Countdown“ : „Wir müssen komplett umdenken“

In Sachen Klimakrise pendelt die Menschheit zwischen Hoffnung und der Sorge vor der Apokalypse. Dem Klima-Forscher Mojib Latif geht es da nicht anders. Die Botschaft seines neuen Buches „Countdown“: Es eilt.

In den vergangenen Jahren sind viele Bücher über die Klimakrise und ihre verheerenden Folgen für die Menschheit geschrieben worden. Darunter waren überaus wichtige Beiträge wie Michael Manns „The New Climate War“ und „Deutschland 2050“ von Nick Reimer und Toralf Staud, aber auch kontrovers diskutierte Werke wie Bill Gates' „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“. Nun meldet sich auch der deutsche Klimaforscher und Meteorologe Mojib Latif erneut mit einem Buch zur globalen Krise zu Wort – und lässt darin keinen Zweifel an der Dringlichkeit von mehr Klimaschutz.

„Countdown“ heißt das Werk, das der Herder Verlag in den Buchhandel gebracht hat. Der Untertitel spricht Bände: „Unsere Zeit läuft ab.“ Latif nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf „die planetare Geisterfahrt“, vor der der Club of Rome schon vor einem halben Jahrhundert gewarnt habe. Passenderweise ist Latif nicht nur Professor am Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, sondern auch Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome. Kurzum: Der 67-Jährige weiß, wovon er schreibt.

Leider ist all das nicht wirklich stimmungsaufhellend, was Latif über das Klima zu berichten weiß. Neu sind all diese Erkenntnisse nicht, die meisten davon bereits jahrzehntealt. Doch nicht zuletzt die Waldbrände und Überschwemmungen in aller Welt, die jüngste Hitzewelle in Indien oder auch die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 sind Belege dafür, dass mit dem Klimawandel zusammenhängende Extremereignisse Menschen auf dem ganzen Planeten treffen. „Der Klimawandel besitzt ein enormes Gefahrenpotenzial, und dies überall auf der Welt“, schlussfolgert Latif. „Überall“ schließt auch Deutschland ein.

 Mojib Latif, „Countdown“, 224 Seiten, 22 Euro, Herder.
Mojib Latif, „Countdown“, 224 Seiten, 22 Euro, Herder. Foto: dpa/Herder Verlag

Umso unverständlicher ist da auch für Latif, dass das nötige Handeln im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe weiterhin aufgeschoben wird. „Warum kommen wir nicht vom Wissen zum Handeln?“, fragt er sich. Tja, warum eigentlich nicht? In Corona-Zeiten und in der Reaktion auf Russlands Angriffskrieg in der Ukraine wurde letztlich bewiesen, dass Regierungen schnell und manchmal sogar gemeinsam auf immense Krisen reagieren können.

Beim Klima jedoch, da werden Latif unzählige weitere Experten zustimmen, da hapert es genau an diesem schnellen und gemeinschaftlichen Handeln. „Wenn man die Maßnahmen als Maßstab anlegt, die bisher ergriffen worden sind, muss man sagen: Die Menschheit reagiert viel zu langsam auf das Klimaproblem“, schreibt er. Einige Regierungen bestritten, verharmlosten oder ignorierten noch immer, was vor sich gehe - und das, obwohl ein ungebremster Temperaturanstieg zu einer Destabilisierung der Welt und endlosem menschlichen Leid führen würde, wie er warnt.

Woran liegt das? „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und bewegt sich nur unwillig in neue Richtungen, wenn er erst einmal einen gewissen Wohlstand erreicht und es sich in seiner Komfortzone bequem gemacht hat“, schreibt Latif. Helfen werde nur ein grundlegender technologischer und kultureller Wandel.

Damit sich mehr tut, braucht es mehr Wissen. Das liefert der Autor mit Bravour. Wasserdampf, Jetstream, Kipppunkte, all solche wichtigen Dinge nimmt Latif unter seine wissenschaftliche Lupe. Er erklärt die Absurdität der deutschen Debatte über ein Tempolimit und zeigt mit gleich sieben Begründungen auf, warum die Atomkraft „im Sinne des Klimaschutzes völlig kontraproduktiv“ sei.

Manchmal wiederholt er sich, aber das macht nichts. Da die Wissenschaft vom Klima nun mal kein Ponyhof ist, muss man manches sowieso doppelt lesen, um es zu begreifen. „Countdown“ ist somit kein Pageturner, aber gerade deshalb ein wichtiges, aufklärendes Buch. Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht nur von Klimafreunden gelesen wird, sondern auch von solchen, die es werden wollen. Und erst recht von der Politik.

Letztlich liefert Latif einen rund 220 Seiten langen Appell für mehr Klimaschutz. „Wir müssen komplett umdenken. Alte Denk- und Verhaltensweisen funktionieren nicht mehr“, schreibt er. Das gelte für jeden Einzelnen wie für große Teile der Wirtschaft und insbesondere der Politik. Die CO2-Uhr ticke gnadenlos, und Russlands Angriff auf die Ukraine habe zudem in aller Deutlichkeit gezeigt, wohin es führe, wenn nur wirtschaftliche Erwägungen in der Politik eine Rolle spielten. Es brauche Mut zum Aufbruch, der auch Mut zum Scheitern einschließe. Es bleibt eine eindringliche Erkenntnis, dass Verdrängung keine Probleme löst. „Wir müssen endlich aufwachen.“