„Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“ von F. C. Delius

Unterhaltsam-bissiges Porträt : Tagebuch eines gefeuerten Journalisten

Wie fühlt sich ein selbstbewusster Journalist, wenn er zwei Jahre vor der Rente gefeuert wird? Der namenlose Held in Friedrich Christian Delius‘ neuem Roman „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“ nimmt die Kündigung sportlich und beginnt im Herbst 2017, ohne Rücksicht auf Chefs oder Leser, Tagebuch zu führen.

Bei der Zeitung war er Wirtschaftsredakteur, Spitzname „Kassandra“, aber jetzt am heimischen Schreibtisch kann er endlich die Wahrheit über die Griechenlandkrise offenbaren, den Egoismus der deutschen Politik kritisieren und die Bundeskanzlerin als „maßlos Überschätzte“ vorführen.

F.C. Delius entwirft das unterhaltsam-bissige Porträt eines Freidenkers und Flaneurs, der seine Gedanken nicht länger an die Leine nehmen muss. Die Adressatin dieser pointierten Tagebucheintragungen ist die achtzehnjährige Nichte, die später einmal nachlesen kann, wie die Europäische Union zu Beginn des 21. Jahrhunderts an ihrer eigenen Uneinigkeit zugrunde ging.

Nichts treibt den freigestellten Zeitungsmann so um wie die schier unaufhaltsame Macht der autoritären Wirtschaftsmacht China, die das ahnungslose alte Europa auf den in Windeseile erbauten Seidenstraßen gnadenlos überrollt. Die Vorstellung dieser Bedrohung wird zur Obsession.

Delius, der zur rebellischen 68er-Generation gezählt wird, hat sich seine Unabhängigkeit im Denken stets bewahrt. Auch dieses Buch lässt sich nicht auf einen einfachen Nenner bringen. Als die Ausführungen des Protagonisten etwas langatmig werden, schwebt sein Jugendfreund Roon aus den USA ein. Der findet unsere Kanzlerin ganz wunderbar und möchte sich in deren Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern als Internist niederlassen. Es kommt zum Showdown auf Rügen.

Der Ich-Erzähler, seine Frau und Roon brechen zu einer Wanderung zum Kreidefelsen auf. Oben am Königsstuhl angekommen, hat der gestresste Protagonist eine verrückte Vision. Ein Kreuzfahrtschiff voller Chinesen nähert sich dem deutschen Nationalheiligtum, weitere Schiffe aus Fernost legen an, bevor der Visionär in Ohnmacht fällt. Aber dies ist noch lange nicht das letzte Wort in diesem wunderbaren Deutschlandalbum.

(jvg)
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