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Sachbuch „Lecker-Land ist abgebrannt“: Von Fleischsucht und Lachszucht, Superfood und Allergien

Sachbuch „Lecker-Land ist abgebrannt“ : Von Fleischsucht und Lachszucht, Superfood und Allergien

Der Ex-taz-Redakteur Manfred Kriener hat ein Buch übers Essen geschrieben. Mit Kopf und mit Zunge. Es geht um kranke Tiere, Fleischsucht und Lachszucht, Lügen um Superfood, Allergien und Vorteile.

Vor Jahren war ich in Berlin zu einem privaten Abendessen eingeladen, als Geschenk hatte ich den Gastgebern eine Flasche slowenischen „Rizling“ mitgebracht, wegen des lustigen Namens. Gast war auch der Autor Manfred Kriener, und weil der als großer Rebenfachmann gilt, sollte er sofort blind verkosten. Er schnüffelte, tauchte die Nase tief ins Glas, schmeckelte daran und sagte felsensicher: „Na, ein Riesling ist das schon mal nicht.“ Die Gästeschar feixte. Sie tat das sehr voreilig. Denn Kriener konnte nach Auflösung sogleich richtigstellen: Rizling hat mit Riesling nichts zu tun, es ist eine eigene, völlig andere alte Rebsorte. Sein kleiner Vortrag wurde durch eilige Netzrecherche Wort für Wort belegt.

Jetzt hat der Ex-taz-Redakteur Kriener ein Buch übers Essen geschrieben – und da scheint er sich noch mehr auszukennen als bei weinseligen Getränken. Mit Kopf und mit Zunge.

Es geht um kranke Tiere, Fleischsucht und Lachszucht, Lügen um Superfood, Allergien, um Vorteile und Irrungen des quasi-religiösen Veganertums oder die Zukunft von „zellulären Hackbraten“ aus dem Labor. Noch nie sei so viel über Kochen geredet worden, schreibt Kriener, vor Kochsendungen im TV kann man sich nicht retten, und doch: Geschmack und Urteilsvermögen sind uns dramatisch abhandengekommen. Und eine dramatische Ernährungsinkompetenz macht alle fett.

Mittendrin in der McFraßwelt

Verantwortung trägt das bewusstlose Kaufverhalten, angestachelt durch Billigfood, Fertiggerichte, Werbegeschwafel, die durchorganisierte Lebensmittel-Globalisierung. Ausführlich thematisiert Kriener das resignierte Versagen der Behörden und das Wirken der Schlachthofmafia, die während der Corona-Pandemie Prominenz als Epizentrum des Ekels bekam. Man kann das Buch beliebig aufschlagen und ist schaudernd mittendrin in einem Sektor der McFraßwelt, der einen staunen lässt, was wir alles klaglos mitmachen und „Lecker!“ nennen.

Kriener hat die Gabe, sein profundes Fachwissen als begnadeter Schreiber so aufzubereiten, dass auch die absurdesten Irrungen auf unseren Tellern lebhaft nachlesbar sind. Und man beschwingt einen Bogen um die Fraßfoodmärkte macht und im lokalen Laden kauft, Bio vorneweg. Auch wenn da gilt: „Die oft tragische Tiergesundheit im Biostall ist eine der deprimierendsten Schwächen der Biobranche.“

Kriener belegt Fakten über Fakten, ordnet ein – und benennt auch „lichthelle Überraschungen“, etwa die Craftbierszene als Konter auf die Nullachtfuffzehn-Brauwelt mit ihren „austauschbaren langweiligen Bitterplörren“. Oder er schwärmt von den zauberhaften Sinnesräuschen in der Slowfoodszene (für die er jahrelang gearbeitet hat). Sein Tipp: „Essen Sie nichts, wofür im Fernsehen geworben wird, nichts mit mehr als fünf Zutaten im Kleingedruckten, nichts mit Zutaten, die Ihre kleine Tochter nicht aussprechen kann.“ Und dann: selbst an den Herd, so oft als möglich.

Ach, Wein thematisiert Kriener auch. Der bestehe heute zu 80 Prozent aus Illusion und zu 20 Prozent aus Geschmack. Darauf einen Rizling.