Gelesen: „Troll“ von Michal Hvorecky

Gelesen : „Troll“ von Michal Hvorecky

Rasend schnell wie ein populärer Hass-Hashtag stürzt der neue Roman von Michal Hvorecky auf seine Leser ein.

Und ebenso fasziniert und abgestoßen wie von menschenverachtenden Beiträgen in der Timeline verschlingt man die 213 Seiten von „Troll“.

Es ist keine angenehme Lektüre, aber eine lohnende. Hvorecky bringt dabei Form und Inhalt in Übereinstimmung. Er beschreibt eine nahe Zukunft, in der Trolle mit erfundenen Nachrichten und üblen Kommentaren die Debatte im Internet beherrschen. So, wie sich irre Fake-News und Beschimpfungen im Netz überschlagen, nimmt auch sein Roman rasch Fahrt auf.

In schneller Folge sieht sich der Ich-Erzähler immer neuen Situationen ausgesetzt. Er steigert sich als Angestellter der vom „Reich“ finanzierten Troll-Zentrale in sein zerstörerisches Tun hinein, verändert seine Persönlichkeit und zuletzt auch sein Aussehen. Längst geht es nicht mehr um Plausibilität. Stattdessen wächst sich anfängliches Unbehagen der Leser zu Abscheu und blanker Angst aus. Die Grenzen verschwimmen. Nicht nur zwischen Form und Inhalt, auch zwischen gesellschaftlicher Realität und Fiktion.

In „Troll“ steckt mehr als ein Körnchen aktueller Wirklichkeit. Immer wieder lässt der Autor eine bitterböse Satire auf heutige Zustände – nicht nur – in Osteuropa aufblitzen.

Russland treibt den Informationskrieg gegen Demokratie und elementare Menschenrechte im Roman unablässig und erbarmungslos voran. Als Sündenböcke dienen Roma und Juden – allen voran der freundliche ältere Nachbar des Ich-Erzählers. Und die Krankenhaus-Szenen knüpfen in erschreckender Weise an die Zustände im Gesundheitswesen von Hvoreckys slowakischer Heimat an: Medizinisches Personal wandert aus, die Masern grassieren infolge verbreiteter Impfmüdigkeit, Patienten müssen sich als Selbstversorger um Bettwäsche und Medikamente kümmern.

Michal Hvorecky bringt sich als einer der führenden Intellektuellen in der Slowakei unermüdlich in öffentliche Debatten ein. „Troll“ fußt zweifellos auch auf den Erfahrungen des Autors in den Sozialen Netzwerken. Dass daraus diese bedrohliche Dystopie wurde, verwundert nicht. Überraschend ist da eher das Ende dieses ebenso verstörenden wie lesenswerten Romans.

(ros)
Mehr von Aachener Zeitung