Thriller „Auris“ von Vincent Kliesch

Thriller „Auris“ : Wenn einem das Hören und Sehen vergeht

Sebastian Fitzek hatte die Idee, Vincent Kliesch hat sie umgesetzt: in „Auris“, einem Thriller, bei dem einem Hören und Sehen vergeht – buchstäblich. „Auris“ ist das lateinische Wort für Ohr und der Spitzname von Professor Matthias Hegel, einem forensischen Phonetiker.

Mal wieder war es eine Alltagssituation, die Fitzek auf den Gedanken brachte: Ein Funkloch während einer Autofahrt, bei dem er übers Handy entweder gar nichts oder nur verzerrte Gesprächsfetzen wahrnahm, brachte ihn ins Grübeln: „Autobahngespräche sind nur etwas für Stimmen-Profiler.“ Sicher war er sich nicht, dass es solche Leute gibt, also forschte er nach und fand heraus: „Und tatsächlich – die forensische Phonetik ist eine anerkannte kriminalistische Disziplin, die allerdings nicht von sehr vielen Experten beherrscht wird.“

Seinem Freund und Schriftsteller-Kollegen Vincent Kliesch überließ Fitzek die fixe Idee für eine Print-Fassung. Und der griff sie begeistert auf. Mal ganz ehrlich: Für einen jungen aufstrebenden Krimi-Autor, der sich für einen Weg fernab der klassischen Spannungsliteratur entschieden hat, gibt es weitaus schlechtere Werbung, als von einem Fitzek gepuscht zu werden. Es verwundert also nicht, dass der ganze fertige Thriller, für den der Berliner nach eigenen Angaben drei Jahre und fünf Fassungen brauchte, „Fitzek ausstrahlt“ – von dem originellen Gedanken bis hin zur überaus kurvenreichen Handlung, die nicht einmal geradeaus endet. Was einen oder mehrere Nachfolger impliziert.

Irrer Kurs voller Überraschungen

Jener Professor Hegel kann aus einer Stimme unter anderem Wahrheit oder Lüge heraushören, Psyche, Herkunft und Gesundheit eines Menschen bestimmen, ohne ihn zu sehen. Sein absolutes Gehör und seine Fähigkeit, es für messerscharfe Schlussfolgerungen zu benutzen, haben ihm Weltruhm eingebracht. Hinzu kommt eine zweite Hauptperson, nämlich Jula, eine Podcast-Journalistin. Die junge Frau hat sich nach einer schlimmen persönlichen Erfahrung der Aufklärung von Justizirrtümern verschrieben. Für sie ist auch Hegel eine solche Angelegenheit. Denn dieser hat den Mord an einer Obdachlosen gestanden und dafür eine lebenslängliche Haftstrafe angetreten.

Jula ist überzeugt davon, dass der Wissenschaftler zu Unrecht einsitzt. Sie will – gegen dessen Willen und den vieler anderer direkt oder indirekt Beteiligter – hinter den Grund seines Mordgeständnisses kommen. Natürlich begibt sie sich dabei selbst in höchste Gefahr und zieht dabei noch andere Menschen tief mit hinein. Hegel alias Auris, der sich vehement gegen Julas Engagement wehrt, kann nicht umhin, ihr mit seinen Fähigkeiten zumindest partiell auf die Sprünge zu helfen. Was auch immer in dem Roman passiert: Es ist niemals so, wie man es erwartet. Das sichere Rezept, um Leser zu fesseln.

Kliesch fährt in dieser Story einen irren Kurs voller Überraschungen. Allerdings muss man auch sagen, dass nicht alles schlüssig ist. Auch die Motive für manche Tat muten etwas seltsam, wenn nicht abwegig an. Freunde des Nervenkitzels werden darauf möglicherweise weniger Gewicht legen und sich lieber am alles in allem spannenden Plot erbauen. Fans von Fitzek-Büchern werden das vorliegende Kliesch-Opus lieben und sich freuen, dass die beiden Thrill-Spezialisten eine Reihe um Jula und Auris ins Auge gefasst haben.

(kab)
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