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Das Literaturjahr 2019: Starke Männer, benachteiligte Frauen?

Das Literaturjahr 2019 : Starke Männer, benachteiligte Frauen?

Im Literaturjahr 2019 ist viel darüber debattiert worden, ob Autorinnen zu wenig besprochen und verlegt werden. In der Belletristik finden sich in den Top Sechs immerhin drei Frauen. Unsere Redakteurin Madeleine Gullert hat bei einer Stolberger Autorin nachgefragt, ob sie wegen ihres Geschlechts ungerecht behandelt worden ist.

Männer dominieren nach wie vor im Literaturbetrieb. „Schauen Sie hier: ein Mann, da noch ein Mann, schon wieder ein Mann, ok eine Frau, auf der nächsten Seite wieder ein Mann.“ Sylvie Schenk sitzt auf ihrem Sofa und blättert in der Programmvorschau ihres eigenen Verlages. Die Stolberger Autorin veröffentlicht bei Hanser. Sie selbst sagt, dass sie nie wegen ihres Geschlechts ungerecht behandelt worden ist. „Ich wurde nicht mal komisch beäugt, obwohl ich erst mit 50 Jahren meinen ersten Roman veröffentlicht habe“, sagt die Deutsch-Französin, die 2016 beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt lesen durfte. „Aber wenn ich die Verlagsvorschauen so durchblättere, fällt das Missverhältnis von Autorinnen und Autoren schon sehr auf.“

Schenks Eindruck lässt sich von einer aktuellen Untersuchung stützen. Unter dem Motto #vorschauenzählen riefen die Autorin Berit Glanz („Pixeltänzer“) gemeinsam mit der Übersetzerin und Buchbloggerin Nicole Seifert dazu auf, die Verlagsvorschauen für das Frühjahrsprogramm 2020 auszuwerten. Das Verhältnis von Autoren zu Autorinnen bei einer Stichprobe der renommiertesten literarischen Verlage liegt bei 60:40. Der Hanser Verlag mit nur 22 Prozent Autorinnen ist dabei Negativ-Spitzenreiter, gefolgt von Hoffmann und Campe und Diogenes mit je 25 Prozent. Bei Luchterhand und Dumont ist das Verhältnis ausgeglichen (50 Prozent).

Projekt „Euregio liest“

Schenk betreut in der Aachener Grenzregion das Projekt „Euregio liest“, bei dem jedes Jahr sechs Bücher zeitgenössischer Autoren in den drei Sprachen der Euregio gelesen werden, französisch, niederländisch/flämische und deutschsprachig. „Die Romane sollen in allen drei Sprachen zugänglich sein, das schränkt unsere Auswahl schon ein“, berichtet Schenk und verweist darauf, dass Frauen auch weniger in andere Sprachen übersetzt werden. Die englische Übersetzerin Katy Derbyshire habe beispielsweise festgestellt, dass kaum Romane von Frauen international lizenziert werden und nur ein Viertel der ins Englische übersetzten Bücher von Autorinnen stamme.

Seifert erklärt: „Faktisch sind Autorinnen deutlich unterrepräsentiert, Männer in der Überzahl. Das ist bei aller Komplexität letztlich ein Symptom einer patriarchalischen Gesellschaft.“ Und das spiegele sich nicht nur in den Programmen der Verlage wider, sondern auch im Feuilleton. Denn es werden auch weniger Bücher von Frauen besprochen. Die Studie #frauenzählen der Universität Rostock von 2018 zeigt, dass Autorinnen weniger medial präsent sind als Autoren. Demnach stammen 65 Prozent der besprochenen Bücher von Autoren und nur 35 Prozent von Autorinnen, das Verhältnis bei Radio und Fernsehen ist ähnlich.

Außerdem werden laut der Studie der Uni Rostock die Kritiken überwiegend, im Verhältnis vier zu drei, von Männern verfasst. Die Wissenschaftler stellten außerdem fest, dass Kritiker mit 74 Prozent viel häufiger Bücher von Männern besprachen, während Kritikerinnen beinahe gleichwertig Büchern von Frauen und Männern rezensierten. „Das führt dann unweigerlich zu einem Ungleichgewicht“, resümiert Seifert.

Nachwuchsautorinnen könnten es schwer haben

Auch Sylvie Schenk ist aufgefallen, dass sie in einigen großen Feuilletons noch nie besprochen wurde. Bekannte Schriftstellerinnen würden aber überall rezensiert. Sie mutmaßt, dass es Nachwuchsautorinnen schwerer haben könnten.

Eine dieser Nachwuchsautorinnen ist Mareike Fallwickl. Sie veröffentlichte 2019 ihren zweiten Roman „Das Licht ist hier viel heller“. Ihr Debüt „Dunkelgrün fast schwarz“ war für den Österreichischen Buchpreis und als „Lieblingsbuch der Unabhängigen“ nominiert. Fallwickl hat sich also schon einen Namen gemacht, trotzdem wurde ihr aktuelles Buch quasi nicht besprochen. „Die alten weißen Männer haben mich ignoriert.“ Fallwickls Verlag habe die Nichtbeachtung der Kritiker getroffen, sie aber nehme es weniger schwer – zumal der Roman von Buchbloggern im Netz gefeiert wurde. Fallwickl glaubt, was die Studie aus Rostock andeutet, dass „Männer Männer lesen und deshalb auch Männer besprechen“. Nicht nur die Auswahl, die bei Rezensenten auf dem Tisch landet, sondern auch welche Bücher überhaupt verlegt werden, sei durch einen Filter gelaufen. „Sie machen es nicht mit Absicht, aber es passiert“, sagt Fallwickl.

2017 ergab eine Studie im Auftrag des „Netzwerks Bücherfrauen“ zwar, dass es im Verlagswesen 80 Prozent Mitarbeiterinnen gebe. Aber bereits im mittleren Management seien 80 Prozent der Entscheidungspositionen von Männern besetzt. In den Top-Positionen fänden sich sogar nur noch vier Prozent Frauen.

Seifert beklagt, dass die Literaturkritik auf die unausgewogenen Programme der Verlage verweisen und die Verlage wiederum auf die ungleiche Aufmerksamkeit für Bücher von Männern und Frauen. „Die Konsequenz ist Stillstand.“ Fallwickl und Seifert haben aber Hoffnung. „Es tut sich viel“, sagen beide. Seifert zeigt sich begeistert, dass „die ,FAZ’ eine komplette Literaturbeilage nur mit Büchern von Frauen gemacht hat, das ist doch schon etwas“.

Feuilleton bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“

Sandra Kegel ist Leiterin des Feuilletons bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und reagiert überrascht, als sie auf dieses Heft angesprochen wird. Dass nur Frauen in der Beilage sind, sei Zufall, deshalb habe man es auch gar nicht thematisiert. „Es geht uns um Literatur, nicht um das Geschlecht“, sagt Kegel im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich gehe immer vom Text aus und meine Kollegen auch.“ Gerüchte wonach manche männlichen Kollegen keine Frauen besprechen wollen, kann sie nicht bestätigen.

„Aber Mann/Frau ist ein Antagonismus, der leicht festzustellen ist, deshalb wird darüber viel debattiert“, sagt Kegel. Man könne auch über ganz andere Antagonismen sprechen. Dramatik gegen Lyrik nennt sie als Beispiel. „Man könnte diskutieren, warum so wenige Gedichtbände rezensiert werden. Oder auch, warum die Short Story in Deutschland solch ein Nischendasein fristet – so sehr, dass Verlage inzwischen schon Roman auf Kurzgeschichten-Bände schreiben.“ Kegel saß in der Jury diverser Literaturpreise. „Die Genderfrage war dabei nie Thema.“ Auch unter den Nominierten für den Deutschen Buchpreis 2019 waren drei Frauen und drei Männer, betont die Journalistin. „Für mich und für uns in der Redaktion ist es selbstverständlich, dass Frauen genauso große Literatur schreiben wie Männer.“

Seifert glaubt auch, dass sich etwas im Feuilleton bewege. Trotzdem gebe es immer wieder Gründe, sich zu ärgern. Im gerade beendeten Jahr war ein Bücherschuber der „Süddeutschen Zeitung“ ein Anlass zur Verärgerung. Unter dem Motto „Soulmates“ soll mit Hilfe von zehn Klassikern die „Vielseitigkeit der Männerwelt“ dargestellt werden. Eben eine „starke Sammlung für Männer“, die sich bestimmt gut im Schrank macht.

Hash­tag „Autorinnenschuber“

Seifert kritisierte in einem Text auf ihrem Blog „Nacht und Tag“ – übrigens der Blog des Jahres 2019 – unter anderem, dass kein weibliches Pendant, also ein Schuber mit zehn Autorinnen, geplant ist. „Schließlich haben wir die alle zu wenig im Regal stehen und zu wenig gelesen, schon weil sie von Kanon und Curriculum marginalisiert wurden und werden“, betont Seifert. Sie kritisierte den Schuber als rückwärtsgewandt und ausschließend. Mit ihrer Meinung steht sie offensichtlich nicht alleine da.

Mehr als Tausend Frauen und auch Männer aus dem deutschsprachigen Raum teilten in Sozialen Netzwerken unter dem Hash­tag „Autorinnenschuber“, ihre Lieblingsbücher, die von Frauen geschrieben wurden. Margaret Atwood, Zadie Smith, Simone de Beauvoir oder die Bronte-Schwestern sind nur einige der Autorinnen, die auf den Bildern zu sehen sind. Ein konstruktiver Protest gegen den Schuber der „SZ“.

Der Kanon müsse sich ändern, fordert Seifert. Das hat er doch längst, entgegnet Kegel. „Einen Kanon mit nur einer Handvoll Frauen wie bei Marcel Reich-Ranicki würde es heute nicht mehr geben“, sagt die „FAZ“-Redakteurin und verweist auf Denis Schecks aktuelles Buch. Mehr als ein Viertel der genannten Künstler im Kanon des derzeit wohl populärsten deutschen Literaturkritikers sind Frauen, weil er Mary Shelley, Tania Blixen, Gertrude Stein oder Ingeborg Bachmann für absolut lesenswert hält. „Das hat weniger mit Zeitgeist als mit Aufklärung zu tun. Dass der erhebliche Anteil von Frauen an der Literatur bislang zu wenig anerkannt wurde, wird wohl nur der verstockteste Literaturchauvinist bestreiten“, sagte Scheck der „Morgenpost“ in einem Interview.

Sogar eine antike Autorin, Hypatia, deren Texte nicht mal überliefert wurden, nennt Scheck in seinem Kanon. Daran hapert es bei vielen Denkerinnen, sie wurden (von Männern) weniger tradiert als die schreibenden Männer. Kegel findet, dass die Erforschung antiker und mittelalterlicher Autorinnen intensiviert werden sollte. „Es gibt Arbeit, was die Vergangenheit betrifft, aber die Gegenwart sieht doch ganz gut aus.“

Käufer hat Macht

Fallwickl sieht noch Luft nach oben und dabei auch den Leser oder die Leserin in der Verantwortung. Tatsächlich kaufen Studien zufolge mehr Frauen Bücher als Männer. Nach dem „Büchermonitor“ von 2017 geben 38 Prozent der Frauen an, an vier oder mehr Tagen in der Woche zu lesen, das sind neun Prozentpunkte mehr als bei den Männern. Leser und Leserinnen könnten ein Regulativ sein, findet die Österreicherin. „Wenn die Menschen mehr zu Büchern von Frauen greifen und danach fragen, kann das etwas ändern“, sagt Fallwickl kampflustig.

Schenk, die einer anderen Generation als Fallwickl angehört, ist genügsam. „Wir müssen Geduld haben und weiter schreiben, um uns unseren Platz zu erkämpfen.“ Aber nicht um jeden Preis. „Man schreibt, was man ist.“ Man könne sich nicht zu einem Thema zwingen, das einen nicht interessiert. „Ich möchte nicht wie ein Mann sein. Ich glaube, dass Frauen immer anders schreiben werden als Männer, weil sie empathischer sind.“ Doch auch die Stolbergerin sieht eine Veränderung: „Männer waren lange in jeder Hinsicht dominant, Autorinnen waren im großen Meer des Wissens nur kleine Inseln. Aber wir sind keine kleinen Inseln mehr. Wir sind Kontinente.“