Ildikó von Kürthy und ihr neuer Roman „Es wird Zeit“: „Soll das Feuilleton die Augen Rollen“

Ildikó von Kürthy und ihr neuer Roman „Es wird Zeit“ : „Soll das Feuilleton die Augen Rollen“

Sie schreibt für Leserinnen, nicht für Literaturkritiker, betont Ildikó von Kürthy. Und das äußerst erfolgreich. Auch ihr neuer Roman „Es wird Zeit“ stürmt wieder die Bestsellerlisten. Darin nähert sich die Autorin aus Aachen der magischen 50.

Seit 20 Jahren gilt die Autorin Ildikó von ­Kürthy als Expertin der weiblichen Psyche. Die gebürtige Aachenerin ist eine der meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen, ihr erster Roman „Mondscheintarif“ wurde fürs Kino verfilmt, viele weitere Romane folgten, etwa „Herzsprung“ oder „Höhenrausch“ – humoristische Betrachtungen der Beziehungsprobleme von Frauen, die sich millionenfach verkauften. Auch ihre Sachbücher, „Unter dem Herzen“, „Neuland“ und „Hilde“ waren alle Bestseller.

Nun widmet sich die 51-Jährige in ihrem neuen Roman „Es ist Zeit“ dem Älterwerden. „Dioptrien, Stimmung, Lebenserwartung und die Haut über den Wangenknochen – alles sinkt allmählich unter null“, meint Protagonistin Judith. Die nähert sich der 50, nicht nur die Haut, sondern auch die Ehe verliert an Spannkraft, die Mutter stirbt, und dann erkrankt auch noch die Freundin an Krebs. Hört sich nach tränenfeuchter Tragödie an, ist aber wieder pointenreiche Unterhaltung. Angeregt durch die Lektüre des Romans, der auch in die Aachener Region führt, haben Andrea Zuleger und Jenny Schmetz der Autorin 26 Begriffe von A bis Z geschickt. Ildikó von Kürthy gibt mit ihren Anmerkungen einen persönlichen Einblick in ihr Buch und ihre eigene Stimmungslage.

Aachen: Ein wunderbarer Ort der Erinnerungen und der Sehnsüchte. Ich liebe meine Heimatstadt sehr, all die urvertrauten Wege, Häuser und Menschen lösen in mir immer wieder ein nahezu heiliges Gefühl des Nachhausekommens und Geborgenseins aus.

Bifokallinsen: Funktionieren nie so, wie sie sollten. In den wirren Gassen von Aix-en-Provence bin ich jüngst verloren gegangen, weil ich mit den unzuverlässigen Linsen weder die Straßennamen noch den Stadtplan lesen konnte.

Champagner: Selten. Aber dann mit großem Genuss. Prost!

De Haan: In meinem Roman macht die Protagonistin in De Haan eine Entdeckung, die ihr ganzes Leben, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft über den Haufen wirft und infrage stellt. Im wahren Leben habe ich dort die weltbesten Waffeln gegessen.

Ehebruch: Muss nicht zum Bruch der Ehe führen. Untreue ist kein sicheres Zeichen für eine schlechte Ehe und Treue kein sicheres Zeichen für eine gute.

Fünfzig: Die Zeit der Abschiede beginnt. Jetzt sollte man anfangen, eine kluge Haltung gegenüber dem Älterwerden zu entwickeln und lernen, das loszulassen, was man sowieso nicht festhalten kann, und bereit sein, neue Wege zu gehen. Es wird Zeit.

Grau: Ich färbe mir seit 15 Jahren die Haare. Sobald sie wirklich grau sind, schön und durchgehend grau, werde ich damit aufhören. Ich will nicht jünger aussehen, als ich bin, aber so gut wie möglich. Und ein unentschlossenes Grau mit matschbraunen Flecken dazwischen steht niemandem.

Hormonsturm: Kommen Sie mal zu uns nach Hause, dann erleben Sie ein Hormonunwetter der Extraklasse: Pubertät trifft auf Wechseljahre. In Deckung!

Idealgewicht: Es gibt kein Idealgewicht. Das Normalgewicht ist eine medizinische Größe und gibt einen sinnvollen Hinweis drauf, ob man zu viel oder zu wenig wiegt. Models sind in der Regel untergewichtig. Das war nie mein Problem. Ich war zwar immer normalgewichtig, habe mich aber leider nur selten dabei ideal gefühlt. Wie schade!

Jülich: Die Stadt, in der mein neuer Roman spielt und in die Judith, die Protagonistin, nach 20 Jahren zurückkehrt – mit der Urne ihrer Mutter auf dem Beifahrersitz und einer riesigen Lebenslüge im Gepäck.

Klischees: Sind abgegriffene, verschlissene Bilder, Vorstellungen, Sätze. Im Denken haben sie nichts zu suchen, beim Schreiben kann man sie vorsichtig und wohldosiert einsetzen. Paart man das Klischee mit Ironie, wird ein recht taugliches Stilmittel daraus.

Literaturkritiker: Die Literaturkritikerin der „Zeit“, Ursula März, schreibt über „Es wird Zeit“: „Als Unterhaltungsliteratur ist ein solcher Roman ein Glücksfall. Und das Feuilleton hat keinen Grund, die Augen zu verdrehen.“ Aber ganz ehrlich? Es stört mich überhaupt nicht, wenn das Feuilleton die Augen rollt. Soll es rollen! Ich schreibe ja für Leserinnen, nicht für Kritiker.

Das neue Buch „Es wird Zei“ von der Aachener Autorin Ildikó von Kürthy. Foto: ZVA/Ildikó von Kürthy_Es wird Zeit_Cover_highres

Mindestruhezeit : Wenn Gräber zu Grabe getragen werden, stirbt man dann ein zweites Mal?

Neurosen: Ich habe einen bunten Strauß an Neurosen zu Hause. Manche verblühen jetzt so langsam. Traurig bin ich darüber nicht.

Oh!: Das klingt erstaunt und positiv überrascht. „Oh!“ heißt: „Damit habe ich nicht gerechnet!“ Es wäre schön, wenn einem pro Tag zwei bis drei „Ohs!“ entfleuchen würden.

Perlmuttlippenstift: Ich habe eine fatale und gänzlich unerwiderte Sympathie für alles, was glänzt und schimmert. Pailletten, Perlmutt, Glanz-Lidschatten. Mein Geschmack ist in den 80er Jahren hängengeblieben. Deswegen liebe ich Motto-Parties. Da fällt das nicht auf.

Quinoa-Bowl: Ach, was waren das herrliche Zeiten, als man zu einer Bowl noch Schüssel sagen durfte, als Influencer noch Schnorrer und die Faszien noch Bindegewebe hießen (und das seinen Dienst noch nicht quittiert hatte).

Risikolos: Ich liebe das Risiko nicht. Ich hab’s gern gemütlich, ich mag das Vertraute, und ins kalte Wasser springe ich nicht. Ich lass lieber erst etwas warmes dazulaufen.

Sex: The Queen does not comment.

Träume: Ich mag den Schlachtruf der brachialen Lebens-Optimierer „Verwirkliche Deine Träume!“ überhaupt nicht. Bei etlichen Träumen tut man gut daran, sie nicht zu verwirklichen. Der wahr gewordene Traum kann zum Alptraum werden. Ich plädiere für eine rationale Überprüfung der eigenen Sehnsüchte und Träume. Und wenn sie die überstanden haben, sind sie vermutlich realitätstauglich.

Unterhaltungsautorin

Man kann sich ja auch sehr schlecht unterhalten. Was ich mir wünsche, ist, dass meine Bücher wie eine gute Unterhaltung sind, eine bereichernde, warme und lustige Begegnung auf Augenhöhe, bei der man zum Schluss die Nummern austauscht.

Vorsorgeuntersuchungen: Ich hänge dauernd in irgendwelchen Röhren rum. Finde ich richtig und wichtig. Bloß, dass ich neulich von einem Arzt untersucht wurde, der noch vor gar nicht allzu langer Zeit lediglich ein Follikel war, hat mich irritiert.

Wehmut: Was für ein schönes Wort, was für ein herrliches Gefühl! Ich bin Rheinländerin mit ungarischen Wurzeln. Mein zweiter Vorname ist Wehmut (mein dritter Sentimentalität, mein vierter Kohldampf).

X-mal: Ich bin eine enge Freundin von Wiederholungen und von Routine. Die Dinge, die ich x-mal am Tag mache, beruhigen meinen Geist und besänftigen meine Seele. Wenn ich in innerlicher Not bin, sortiere ich Socken oder fange an zu bügeln.

Yoga: Ich glaube, ich mache so was Ähnliches wie Yoga. Bei mir heißt das Morgengymnastik.

Zukunftspläne: „Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von Deinen Plänen“ – das hat Blaise Pascal gesagt. Ich liebe es trotzdem, voller Pläne zu stecken und mir die Zukunft auszumalen. Ob alles gelingt? Man wird sehen. Und wenn nicht, kann ich ja irgendwann mit Gott zusammen über mich lachen.

Mehr von Aachener Zeitung