Krimi in London: Skandal kurz vor den Olympischen Spielen

Krimi in London : Skandal kurz vor den Olympischen Spielen

London kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele: Politik und Polizei haben alle Hände voll zu tun mit Organisation und Absicherung des sportlichen Highlights.

Dem seit seinem jüngsten Fall („Die Ernte des Bösen“, 2016) zwar äußerst populären, aber wie immer klammen Privatdetektiv Cormoran Strike kommt der Anruf des Kulturministers deshalb sehr zupass. Jasper Chiswell wird erpresst. Er fürchtet einen Skandal – was in diesen Tagen internationaler Aufmerksamkeit besonders fatal wäre. Natürlich möchte er das Problem generell vom Hals haben. Strike soll helfen. Das wird er, wenn auch nicht so, wie Chiswell es sich vorgestellt hat.

Fast drei Jahre dauerte es, bis Robert Galbraith alias J.K. Rowling ihren Ermittler wieder in die Spur schickte. Doch die Wartezeit hat sich gelohnt. „Weißer Tod“, der vierte Fall für Strike und seine Partnerin Robin Ellacott, toppt seine schon sehr erfolgreichen und spannenden Vorgänger noch – an Komplexität und an Raffinesse. Galbraith versteht es exzellent, persönliche Befindlichkeiten ihrer Protagonisten in politische und gesellschaftliche Konstellationen einzubetten, dabei ein überwältigendes Lokalkolorit zu vermitteln und eine fesselnde Geschichte zu formulieren.

Bevor sich Strike und Robin mit dem Chiswell-Fall befassen, hat der Detektiv eine Begegnung mit einem offenbar psychisch kranken jungen Mann, der in seiner Kindheit einen Mord beobachtet zu haben glaubt. Er bittet Strike, der Sache nachzugehen, und verschwindet dann spurlos. Obwohl Strike nicht wirklich daran glaubt, nimmt er Billys Gestammel ernst und forscht nach. Seine Spur führt ihn zu Billys Bruder Jimmy und in die Londoner Autonomen-Szene, die gegen die Spiele protestiert und die Tory-Regierung ohnehin im Fokus ihres Widerstands hat – somit auch Chiswell.

Alles spricht dagegen, doch wenn Strike seinem Bauchgefühl folgen will, muss er Billys Beobachtung mit dem Chiswell-Auftrag in Verbindung bringen. Was er allerdings herausfindet ist, dass Chiswells Erpressung nichts damit zu tun hat, ja der Anlass für die penetrante Nötigung nicht einmal gesetzeswidrig ist. Wer Chiswell erpresst, wird lange ein Rätsel sein. Und auch der Grund dafür kommt erst kurz vor Ende ans Licht. Dann geschieht ein Mord, der neue Rätsel aufgibt.

So irren Robin und Strike zwischen Mord und Erpressung, zwischen Motiv und Möglichkeit aller Verdächtigen hin und her und kommen der Lösung in einem perfiden Spiel immer nur in winzigen Schritten näher. Dieses langsame Herantasten an die Aufklärung offenbart die Kunst der Autorin, die Spannung auch ohne Spektakel hoch zu halten. Zum Teil erreicht sie das mit straff gespannten Beziehungsfäden zwischen den beiden ungleichen Partnern, die in ihren jeweiligen Verbindungen zu ersticken drohen, aber unfähig sind, sich gegenseitig anzuvertrauen.

Strike und Robin sind sowohl Kitt als auch Suchtfaktor in den Galbraith-Stories. Was aber die Lektüre wirklich besonders macht, ist der Kriminalfall, der natürlich fiktiv, aber durchaus denkbar ist – teilweise angesiedelt in einem der breiten Öffentlichkeit weniger zugänglichen Milieu, der großen Politik und der High Society Londons. Die Olympischen Spiele samt anschließenden Paralympics bieten zudem einen außergewöhnlichen Zeitrahmen und versetzten London 2012 tatsächlich in einen Ausnahmezustand, was den Plot noch authentischer wirken lässt.

(frk)
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