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Persönlich und autobiografisch geprägtes Sachbuch: Sehnsucht nach einer freien Sprache

Persönlich und autobiografisch geprägtes Sachbuch : Sehnsucht nach einer freien Sprache

Die Deutsch-Türkin Kübra Gümüsay legt mit ihrem Debüt „Sprache und Sein“ ein leidenschaftliches Plädoyer für eine neues Denken vor. Eine gelungene Gesellschaftsanalyse.

Kübra Gümüsay hat jahrelang eine Rolle erfüllt. Sie war die deutsch-türkische Kopftuchträgerin, die trotzdem weltoffen und feministisch ist. In ihrem Buch „Sprache und Sein“ beschäftigt sich die 32-Jährige mit der Frage, welchen Einfluss die Sprache und Bilder auf die Wirklichkeit haben und ob es eine Sprache geben kann, die Menschen nicht auf Kategorien reduziert. Gümüsay zeigt in dem sehr persönlichen und autobiografisch geprägten Sachbuch, das am Montag erschienen ist, wie wichtig Sprache ist. Ja, dass Sprache Politik ist. Das meiste, was Gümüsay zusammenträgt, ist für sich genommen nicht revolutionär. Ihre Analyse der deutschen Gesellschaft insgesamt ist aber präzise, klug und äußerst lesenswert.

Zunächst erklärt die Autorin, die mit ihrem Mann und dem Sohn nach einigen Jahren in Oxford wieder in Hamburg lebt, die Bedeutung der Sprache. Das ist sehr sprachwissenschaftlich, aber dennoch unterhaltsam. So erläutert Gümüsay, dass Brücken, deren Genus im Deutschen weiblich und im Spanischen männlich ist, je nach Sprache unterschiedlich beschrieben werden: in Deutschland eher als „schön, elegant“, in Spanien eher als „groß, gefährlich und gewaltig“. Die Autorin zeigt, dass Sprache die Welt begrenzen, aber auch öffnen kann. Der Fokus in dem Buch liegt aber auf dem Zusammenspiel von Migration, Sprache und gesellschaftlichen Problemen. Diese Herleitung beginnt ganz leise, wird aber immer lauter.

Kübra Gümüsay: „Sprache und Sein“, 208 Seiten, 18 Euro , Hanser. Foto: Hanser Verlag

Kinder von Migranten, die mit den „falschen Sprachen“ aufwachsen müssten sich das Zuhausesein in der Sprache der Mehrheitsgesellschaft immer erarbeiten. Das gilt eben nicht für Deutsch-Franzosen oder Deutsch-Amerikaner, den Sprechern von „Prestigesprachen“, für Deutsch-Türken und Deutsch-Marokkaner allerdings schon. Obwohl Gümüsay bereits, „bevor ich in die Vorschule kam, Türkisch lesen und schreiben, Arabisch lesen und rezitieren konnte, interessierte das in der Schule und auch woanders niemanden“. Die Autorin wünscht sich rückblickend, dass die Bilingualität als Potenzial und nicht als Nachteil oder gar als Stigma gesehen worden wäre. Statt der ersehnten Umarmung durch die deutsche Sprache und die Menschen, die mit dieser Sprache aufwachsen, erlebte Gümüsay Ausgrenzung durch Kategorisierung.

Um die Welt zu verstehen, katalogisiert, sortiert und benennt der Mensch andere Menschen und Dinge – insbesondere alles, was „anders“ ist. Weißsein und Männlichsein sind dabei der Standard in der westlichen Welt. Der „alte weiße Mann“, wie es heute oftmals heißt, habe erstmals feststellen müssen, wie es sich anfühlt in eine Schublade gesteckt zu werden. Für Gümüsay und andere Deutsche mit Migrationshintergrund oder in Deutschland lebende Migranten ist das Alltag.

„Wenn ich, eine sichtbare Muslimin, bei Rot über die Straße gehe, gehen mit mir 1,9 Milliarden Muslim*innen bei Rot über die Straße. Eine ganze Weltreligion missachtet gemeinsam Verkehrsregeln.“ So wird die syrische Autorin und Juristin Vinda Gouma zitiert. Wie Gümüsay überhaupt viele Beispiele sammelt, andere Autorinnen und Autoren und Wissenschaftstexte zitiert. Ein 19-seitiger Anhang zeugt von der Fleißarbeit. Das ist löblich, aber mitunter hätte die Erfahrung der Autorin selbst gereicht, ohne dass sie die Richtigkeit ihrer Feststellung durch weitere Beispiele untermauert. Das hat Gümüsay gar nicht nötig. Trotz kleiner Redundanzen sind die Beispiele aber allemal lesenswert.

Auf Klischees reduziert

Gümüsay reflektiert sich selbst. Sie erlangte mit ihrem Blog „Ein Fremdwörterbuch“ und als Kolumnistin der „taz“ einen so hohen Bekanntheitsgrad, dass sie eingeladen wurde, um in Talkshows oder bei Podiumsdiskussionen „die muslimische Frau“ zu erklären. Das Problem sieht Gümüsay darin, dass diese Klischees zwar Teilwahrheiten enthalten, aber eben nicht die ganze Wahrheit. Sobald man nur von „der muslimischen Frau“ rede, raube man dieser jegliche Individualität. „Wir schaffen es, Menschen derart zu abstrahieren, dass wir in ihnen keine Menschen mehr erkennen“, schreibt Gümüsay. Dieser Grad an Abstraktion ermögliche den Hass auf andere. Vorurteile und Schubladen nutzen Rechtsradikale, die immer mehr den öffentlichen Diskurs oder jedenfalls die Themensetzung diktieren, wie Gümüsay moniert. „De facto streiten wir gerade darum, durch wessen Brille wir auf die Gesellschaft schauen. “

Bei der Frage, was für eine Gesellschaft wir uns wünschen und wie wir darüber miteinandner reden können und wollen, ist Gümüsays Erstlingswerk ein wichtiger Beitrag, der zum Nachdenken anregt. Jeder Mensch hat Vorurteile und Grenzen in seinem Kopf. Gümüsays leidenschaftliches Plädoyer für eine neue, freie Sprache und ein neues, freies Denken stellen das Bekannte in Frage. Unbedingt lesen.