Sachbuch „Hitlers Hofstaat“ von Heike B. Görtemaker

Sachbuch „Hitlers Hofstaat“ : Der innere Kreis im Dritten Reich und danach beleuchtet

Lange umgab Hitler der Mythos der Unnahbarkeit. Albert Speer, der Architekt des „Führers“, sprach von einem „menschenleeren Raum“, der den Diktator umgeben habe. Sozial isoliert und kontaktarm, wie er war, sei ein Gespräch mit ihm unmöglich gewesen.

Für Speer wie für andere Vertraute Hitlers war diese Argumentation äußerst bequem: Indem sie den „Führer“ in einsame Sphären entrückten, entledigten sie sich ihrer Mitwisserschaft und Mitverantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes. Tatsächlich wiesen nach dem Krieg alle Überlebenden des engsten Kreises um Hitler jegliche Schuld weit von sich.

Die Legende, dass Hitler kein Privatleben hatte, war auch Teil der Selbstinszenierung des Alleinherrschers, der das Bild eines rastlos für sein Volk tätigen Mannes vermitteln wollte. So erfuhren die Deutschen erst nach dem Zusammenbruch, dass es an seiner Seite eine Frau gegeben hatte. Heike Görtemaker hat 2010 in einer aufsehenerregenden Biografie die Rolle Eva Brauns als Gefährtin Hitlers beschrieben. In ihrem neuen Buch weitet sie die Perspektive und richtet den Fokus auf den engeren Kreis.

Denn tatsächlich war Hitler während seiner ganzen Laufbahn von Vertrauten umgeben. Diese waren aber, und das ist das Besondere, in der Regel keine wichtigen Persönlichkeiten aus Staats- und Parteiführung, sondern eher Randfiguren wie Adjutanten, Sekretärinnen, Ärzte und der Leibfotograf.

Der eigentliche Hofstaat war die sogenannte Berghof-Gesellschaft. Treffpunkt war Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Mit der Zeit wurde die Alpenresidenz zu einer Art „Führersperrgebiet“, ein Schutz- und Rückzugsraum, zu dem nur engsten Vertrauten Hitlers Zugang gewährt wurde. Von den NS-Oberen gehörten außer Speer und dessen Frau nur Goebbels und seine Familie dazu sowie die graue Eminenz Martin Bormann.

Die „Ersatzfamilie“ auf dem Berghof bestand weiter aus den Ärzten Theo Morell und Karl Brandt, dem Adjutanten Nicolaus von Below, dem „Hoffotografen“ Heinrich Hoffmann und den Sekretärinnen Christa Schroeder und Gerda Daranowski. Über die gähnende Langeweile der Berghof-Gesellschaft ist häufiger geschrieben worden. Doch der Inhalt der Gespräche bleibt weiter im Dunkeln. Wer wusste was? Es gibt keine Protokolle vom Berghof, deshalb konnte nach dem Krieg jeder irgendwas behaupten.

Interessant ist der letzte Teil des Buchs, in dem die Autorin beschreibt, wie die Überlebenden des Hitler-Kreises nach dem Krieg weiter Kontakt zueinander hielten. Sie bildeten ein informelles Netzwerk mit Verbindungen zur rechtsradikalen Szene. Fast alle blieben ihren nationalsozialistischen Ideen treu. Einige wie Speer oder die Sekretärinnen Schroeder und Junge schrieben Memoiren. Vielfach, kritisiert Görtemaker, hätten Historiker diesen „Entlastungserzählungen“ noch zu wissenschaftlicher Reputation verholfen und so für Jahrzehnte das Bild Hitlers und seines Umfelds mit geprägt.

Jahrelange Quellenarbeit ist in das Buch geflossen, das jedoch eindeutig zu umfangreich geraten ist. Vieles gerade aus der Zeit des Aufstiegs Hitlers kennt man bereits zu Genüge. Es gibt zwar einige neue Akzente über die Berghof-Gesellschaft. Doch diese erscheint insgesamt so fad, unbedeutend und spießig, dass es kaum der Rede wert ist und das Hitlerbild nur wenig erweitert.

(pei)
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